© Boosey & Hawkes, Bote & Bock, Archiv

Sonntag, 24. September 2017, 11 Uhr
In Kooperation mit der Internationalen Isang Yun Gesellschaft e. V.
Vom langen Ton und vom Tao
ISANG YUN zum 100. Geburtstag
Gespr ächskonzert mit Werken von Isang Yun
Chien-Chun Hung
(Flöte) · Clemens Linder (Violine) · Adele Bitter (Violoncello) ·
Holger Groschopp (Klavier) · Walter-Wolfgang Sparrer (Moderation)
Eintritt: 15,- / erm. 10,-

Anzahl:  

 

Programm:

Ost-West-Miniatur II (Version für Flöte und Violoncello, 1994)

Glissées. Vier Stücke für Violoncello solo (1970)
I. q ca. 60
– II. q ca. 60
– III. q ca 46
– IV. q ca. 60

Trio für Violine, Violoncello und Klavier (1972/75)

-- Pause --

Gasa für Violine und Klavier (1963)

Quartett für Flöte, Violine, Violoncello und Klavier (1988)
q ca. 60 –
Intermezzo für Violoncello und Klavier (1988)
– q ca. 72
– q ca. 52

 

Isang Yun, am 17. September 1917 unweit der Hafenstadt Tongyeong im Süden Koreas geboren, studierte ab 1933 Musik in Osaka und Seoul sowie ab 1938 Komposition bei Tomojirō Ikenouchi in Tokyo. Ende November 1941, vor dem Überfall auf Pearl Harbour, kehrte er nach Korea zurück. Als Gegner der japanischen Fremdherrschaft erlitt er 1943 Haft und Folter. Nach Kriegsende (August 1945) kümmerte er sich um die Kriegswaisen, war Musiklehrer an Gymnasien und Hochschulen in Tongyeong und Pusan. Nach dem Ende des Korea-Kriegs (Juli 1953) lehrte er an verschiedenen Hochschulen und Universitäten in Seoul. Für sein 1. Klaviertrio und sein Streichquartett I erhielt er 1955 den Seouler Kulturpreis. 1956–57 studierte Yun in Paris und 1957–59 in West-Berlin, u. a. bei Boris Blacher und Reinhard Schwarz-Schilling; damals besuchte er auch die Internationalen Ferienkurse in Darmstadt. In Berlin lernte er bei dem Schönberg-Schüler Josef Rufer das Komponieren »mit zwölf nur aufeinander bezogenen Tönen«; von Deutschland aus fand er den Anschluss an die internationale Avantgarde. Viel beachtet wurde 1965 das buddhistisch inspirierte Oratorium Om mani padme hum; mit der Uraufführung des Orchesterstücks Réak in Donaueschingen 1966 gelang der internationale Durchbruch. Im Juni 1967 wurde Yun vom südkoreanischen Geheimdienst aus West-Berlin nach Seoul verschleppt und infolge eines Nord-Korea Besuchs im Jahr 1963 des Verstoßes gegen das »Nationale Sicherheitsgesetz« angeklagt. Nach einem politischen Schauprozess, der von internationalen Protesten begleitet war, wurde Yun, der Gefangene der Militärdiktatur Park Chung- Hees, Ende Februar 1969 als Staatenloser in die Bundesrepublik Deutschland entlassen. 1969–70 war Yun Dozent an der Hochschule für Musik in Hannover, 1970–85 lehrte er Komposition an der Hochschule (heute: Universität) der Künste Berlin. Seit 1973 setzte sich Yun, der 1971 die deutsche Staatsangehörigkeit erworben hatte, bei Konferenzen exilkoreanischer Organisationen sowie der Sozialistischen Internationale für die Demokratisierung und Wiedervereinigung des geteilten Landes ein. Er komponierte mehr als hundert Werke, darunter vier Opern sowie mehrere Instrumentalkonzerte. In den achtziger Jahren entstanden fünf große, zyklisch aufeinander bezogene Symphonien; in dieser Zeit entwickelte Yun einen neuen Ton auch in Kammermusikwerken, die durch das Streben nach Harmonie und Frieden gekennzeichnet sind. Versöhnung auf der koreanischen Halbinsel war zugleich sein politisches Ziel. Isang Yun starb in Berlin-Spandau am 3. November 1995. Seine Freunde gründeten 1996 in Berlin die Internationale Isang Yun Gesellschaft e. V. Yuns Beziehung zu Hamburg ist vielfältig. Anfang der 1960er Jahre entstand hier die erste Schallplattenaufnahme mit den Hamburger Kammersolisten unter Francis Travis (Musik für sieben Instrumente); das NDR-Sinfonieorchester spielte in der Reihe das neue werk 1961 die Uraufführung seines Streicherstücks Colloïdes sonores und 1972 der Konzertanten Figuren; 1976 fand in derselben Reihe die Premiere von Pièce concertante statt; der NDR-Chor sang 1969 die Uraufführung von Ein Schmetterlingstraum und 1976 von Vom Tao. 1986 erklang in der Musikhalle zum erstenmal Mugung-Dong mit dem Ensemble Modern unter Hans Zender. Der Organist Gerd Zacher spielte 1967 und 1975 die Uraufführungen von Tuyaux sonores und Fragment für Orgel, 1987 Ursula Holliger In Balance für Harfe und Winfried Rüssmann Kontraste für Violine solo. 1992 wurde Yun mit der Plakette der Freien Akademie der Künste in Hamburg geehrt.

»Komponieren bedeutet für mich, Geheimnisse zu suchen und zu finden, ein Land des Experiments.«

 

Chien-Chun Hung, 1990 in Taichung auf Taiwan geboren, studierte (nach einer ersten Ausbildung an der Nantou Senior High School in seiner Heimat) 2011 bis 2016 an der Universität der Künste Berlin bei Prof. Roswitha Staege und anschließend bei Prof. Werner Tast. In seiner Heimat war er Mitglied des National Youth Symphony Orchestra und des National Youth Wind Orchestra Taiwan. 2012 war er Soloflötist des Young Euro Classic Festivalorchesters Berlin. Er gewann Preise in zahlreichen nationalen und internationalen Wettbewerben in Taiwan und Europa, den 2. Preis beim Stockholm International Music Competition 2014, die 1. Preise beim Vienna Grand Prize Virtuoso 2015, beim Atlantic Coast International Young Soloist Competition 2015 in Portugal und beim Bertold Hummel-Wettbewerb Würzburg 2015. Aktiv nahm er an Meisterkursen von Peter-Lukas Graf, Michael-Martin Kofler, Gaby Pas-Van Riet, Michael Faust, Carlo Jans und Robert Aitken teil. 2012 bis 2016 war Chien-Chun Hung Stipendiat der Paul-Hindemith- Gesellschaft Berlin.
Clemens Linder, geboren in Vorarlberg, studierte bei Maria Kikel, Klara Flieder und Ernst Kovacic in Wien. Er gewann 1991 den 1. Preis beim Bundeswettbewerb Jugend musiziert, 1994 den Förderpreis der Wiener Symphoniker und erhielt im Jahr 2000 den Würdigungspreis des Bundesministeriums für Bildung, Wissenschaft und Kultur. Solistische und kammermusikalische Auftritte absolvierte er mit Partnern wie Ernst Kovacic, Thomas Larcher, Valentin Erben, Jörg Widmann und dem Hartog Quartett. Seit 2002 ist Clemens Linder Vorspieler der 2. Violinen beim Deutschen Symphonie-Orchester Berlin, seit 2004 Lehrbeauftragter an der Hochschule für Musik »Hanns Eisler« in Berlin und seit 2005 regelmäßig Stimmführer beim Mahler Chamber Orchestra. In zahlreichen Konzerten setzt er sich für zeitgenössische Musik ein, darunter mit Werken von Isang Yun, Friedrich Cerha, Giacinto Scelsi, Luigi Nono und Henri Dutilleux. Er ist Primarius des Adamello-Quartetts.
Die gebürtige Berlinerin Adele Bitter war Jungstudentin in Frankfurt/Main bei Gerhard Mantel und setzte ihre Studien an der Hochschule für Musik »Hanns Eisler« in Berlin bei Josef Schwab fort. Studienaufenthalte u. a. in Cincinnati bei Lee Fiser (LaSalle Quartet) ergänzten ihre Ausbildung. Sie spielte im Ensemble Modern bei Festivals in Luzern und Edinburgh, war Mitglied der Orchesterakademie der Staatsoper Unter den Linden und des Gustav Mahler Jugendorchesters, von 1999 bis 2001 Erste Solocellistin der Badischen Staatskapelle Karlsruhe und ist seitdem Vorspielerin der Violoncelli im Deutschen Symphonie-Orchester Berlin. Neben Konzerten als Solistin mit großem Orchester spielt Adele Bitter Kammerkonzerte mit Klavier oder Orgel sowie Streichquartett (Adamello-Quartett). Sie engagiert sich auch im Bereich der Alten Musik, absolvierte ein Zusatzstudium im Fach Historische Aufführungspraxis/Barockvioloncello bei Christophe Coin an der Schola Cantorum Basiliensis und spielte Solo-Continuo u. a. unter den Dirigenten Ton Koopman, Helmuth Rilling, Rinaldo Alessandrini und Andrew Manze und in Kammermusikformation mit Jos van Immerseel. Ebenfalls interpretiert sie regelmäßig Neue Musik und trat u. a. in mehreren Konzerten der Internationalen Isang Yun Gesellschaft auf.
Der Pianist Holger Groschopp wurde in Berlin geboren und erhielt seine Ausbildung an der Hochschule der Künste in seiner Heimatstadt bei Georg Sava. Ergänzend studierte er Komposition bei Isang Yun und Liedinterpretation bei Aribert Reimann und Dietrich Fischer-Dieskau. Seine umfangreiche Konzerttätigkeit führte ihn in die meisten europäischen Länder, nach Nah- und Fernost sowie Nord- und Mittelamerika. Er trat als Solist und Kammermusiker bei wichtigen europäischen Festivals auf, wirkte bei vielen Ur- und Erstaufführungen (u. a. Henze, Reimann, Yun, Rihm, Mamlok) mit und ist regelmäßiger Gast in Aufnahmestudios. Er erhielt mehrere Preise, u. a. beim Brahms-Wettbewerb in Hamburg. Den Berliner Philharmonikern und dem Deutschen Symphonie-Orchester ist er seit langem als Ensemblepianist und Kammermusiker eng verbunden, seit mehreren Jahren auch dem Mahler Chamber Orchestra. Seine bislang sechs beim Label Capriccio erschienenen CDs mit Transkriptionen und Paraphrasen von Ferruccio Busoni erreichten hohe Anerkennung bei der internationalen Fachkritik. Als ehemaliger Kompositionsschüler von Isang Yun setzt sich Holger Groschopp in besonderem Maße für dessen Werke ein, ist Gründungsund Vorstandsmitglied der Internationalen Isang Yun Gesellschaft e. V. und spielte Yuns Klavierund Kammermusikwerke in Europa, Südamerika und Korea sowie auf mehreren CDs. Er ist auch als Juror, Herausgeber und Bearbeiter (u. a. von Werken Isang Yuns) tätig.
Walter-Wolfgang Sparrer, 1953 in Mainz geboren, studierte in Berlin Schulmusik und Musikwissenschaft (bei Carl Dahlhaus), Germanistik, Geschichte und Philosophie. Er begründete mit Hanns-Werner Heister das werkzentrierte Lexikon in Loseblattform Komponisten der Gegenwart (München: edition text + kritik 1992ff.). 1996 gründete er die Internationale Isang Yun Gesellschaft, Berlin, deren Vorsitzender er bis heute ist. Sparrer kuratierte diverse Konzertreihen. In Zusammenarbeit mit Toshio Hosokawa entstand die Gesprächsbiographie Stille und Klang, Schatten und Licht (Hofheim: Wolke 2012). Zu seinen zahlreichen weiteren Publikationen zählen Texte und Rundfunksendungen insbesondere zu Leben und Werk von Isang Yun, darunter Der Komponist Isang Yun (München: edition text + kritik 1987, 2. erw. Auflage 1997, auch in italienischer und koreanischer Übersetzung).