Am 30. Mai 2001 hat die Freie Akademie der Künste in einem offenen Brief
an den Ersten Bürgermeister der Freien und Hansestadt Hamburg kritisch
Stellung zum geplanten Bau der "Europa-Passage" genommen.
Sie betont, dass "der rüde Umgang mit dem Kunstwerk Hamburg',
die Missachtung der durch das Straßennetz geprägten Stadtstruktur
und die Ignoranz gegenüber im Wege stehenden' Baudenkmalen, deren
Abriss stillschweigend hingenommen wird, die Europa-Passage zu einem Ärgernis
machen, das die Bürger dieser Stadt nicht unwidersprochen hinzunehmen
bereit sind."
Die Freie Akademie fordert nachdrücklich, die sachgerechte Diskussion über dieses Vorhaben endlich zu eröffnen. "An diesem Beispiel kann der Senat beweisen, dass er seiner kulturellen Verantwortung gegenüber dem historischen Erbe der Stadt gerecht wird."
Den Wortlaut des vom Präsidenten der Akademie, Professor Armin Sandig,
und dem Vorsitzenden der Sektion Baukunst, Horst v. Bassewitz, unterzeichneten
Briefes finden Sie unten.
Offener Brief an den
Präses des Senats der
Freien und Hansestadt Hamburg
Herrn Bürgermeister
Ortwin Runde
Rathaus
20095 Hamburg
Hamburg, 30. Mai 2001
Sehr geehrter Herr Bürgermeister,
seit Monaten verfolgt die Freie Akademie der Künste
in Hamburg sehr aufmerksam die Diskussion um die Europa-Passage, nach der
HafenCity eines der derzeit wichtigsten Entwicklungsprojekte in der Hamburger
Innenstadt.
Allerdings lassen die spärlichen Informationen auf ein schlechtes Gewissen
des Senats und der Verwaltung schließen, ob und wie der Öffentlichkeit
dieses in die historische Stadtstruktur der Innenstadt derart massiv eingreifende
Bauvorhaben umfassend vorgestellt werden soll.
Wenn die Europa-Passage politisch als herausragendes Beispiel einer für
die Stadt wirtschaftlich vernünftigen, ja sogar notwendigen Maßnahme
zur Stärkung der Attraktivität Hamburgs als Konsum-Standort gesehen
wird, einem Vorhaben, in das zu investieren Hamburg im Wettbewerb aller europäischer
Metropolen nicht umhin kommt, dann ist die Frage um so berechtigter, welche
Folgen dieser ohne erkennbare Rücksicht auf das Quartier und bisher rein
marktwirtschaftlich begründete Eingriff in den Stadtorganismus nach sich
zieht.
Der Investor wird nicht müde, seine Hamburger Europa-Passage in Größe,
Bedeutung und künftiger Ausstrahlung mit den berühmtesten historischen
Passagen Europas, so z. B. mit der weltbekannten Galleria Vittorio Emanuele
II in Mailand zu vergleichen.
Dieser Vergleich ist insofern völlig abwegig, als in Mailand zum einen
ein dort ohnehin notwendiges städtebauliches Sanierungsprogramm verwirklicht
wurde und zum anderen die Galleria in den Jahren 1865-77 im jungen Italien
zum Symbol bürgerlichen Aufbruchswillens und von der Stadt Mailand in
ihrer Gesamtheit getragen wurde; die Galleria war politisch-nationaler Bedeutungsträger.
Dies wird die Hamburger Passage nie sein!
Hamburgs Ruf als eine der lebenswertesten Städte Deutschlands resultiert
nicht zuletzt aus der Modernität seines Wiederaufbaus nach dem Großen
Brand von 1842 und der Berücksichtigung einer bis heute überzeugenden
Maßstäblichkeit der Innenstadt beim Wiederaufbau nach 1945. Hamburg
hat sich trotz seiner Verluste stets als markantes Beispiel der Europäischen
Stadt und seines ihr innewohnenden Maßstabs verstanden.
Der rüde Umgang mit diesem "Kunstwerk Hamburg" (Fritz Schumacher
1917), die Missachtung der durch das Straßennetz geprägten Stadtstruktur
und die Ignoranz gegenüber "im Wege stehenden" Baudenkmalen,
deren Abriss stillschweigend hingenommen bzw. dem für seine Erhaltung
verantwortlichen Denkmalschutzamt zugemutet wird, machen die Europa-Passage
zu einem Ärgernis, das die Bürger dieser Stadt nicht unwidersprochen
hinzunehmen bereit sind.
Am Beispiel der Durchsetzung dieses Vorhabens wird deutlich, ob der Senat
bereit ist, seiner kulturellen Verantwortung im Umgang mit dem historischen
Erbe dieser Stadt gerecht zu werden.
Hamburg hat in den vergangenen Jahrzehnten mit seinem - übrigens ausschließlich
auf privaten Grundstücken errichteten - Passagen-Quartier westlich der
Binnenalster überragende Bedeutung gewonnen. Dieses Erfolgsmodell fortzusetzen,
liegt nahe.
Dafür nunmehr stadteigenen Grund und Boden, d. h. allen Hamburger Bürgern
gehörenden Straßenraum bedenkenlos zu opfern, stützt unseren
Vorwurf leichtfertigen Umgangs mit öffentlichem Besitz.
Die Freie Akademie vermisst bis heute jegliche öffentliche Diskussion
über alternative Planungskonzepte; von Wettbewerben über die Europa-Passage
ist bis heute keine Rede!
Den Hinweis auf die Möglichkeit individueller Planungsvarianten für
die den Straßenraum bestimmenden Fassaden durch Architekturwettbewerbe
empfindet die Architektenschaft als Hohn: Architektur ist mehr als Dekoration
vorgegebener Nutzungsinhalte.
Da jede städtebauliche Lösung den Keim ihrer Veränderung und
Verbesserung in sich trägt, halten wir es für unverzichtbar, das
derzeitige, wenig sensible Konzept der Europa-Passage mit seinen Auswirkungen
auf den Maßstab und den Charakter der Hamburger Innenstadt im Sinne
einer republikanisch geprägten Diskussionskultur umgehend zu erörtern.
Die Freie Akademie der Künste bietet sich hierfür als Forum an und
erklärt sich gleichzeitig bereit, den seit dem 19. Jh. in ganz Europa
so erfolgreichen Bautyp der Passagen durch entsprechende Fachvorträge
einer interessierten Öffentlichkeit bekannt zu machen, damit die Europa-Passage
in veränderter Form und mit möglichst breiter Zustimmung ebenso
als mutiger Schritt ins 21. Jahrhundert verstanden und akzeptiert wird wie
die HafenCity.
Wir erwarten Ihre Nachricht und verbleiben
mit freundlichen Grüßen,
Prof. Armin Sandig, Präsident der Freien Akademie
der Künste
Horst v. Bassewitz, Vorsitzender der Sektion Baukunst