Portraitkonzert
MANFRED STAHNKE
Das Scardanelli-Quartett spielt
die Streichquartette
III "Penthesilea" und
IV "Schrödingers Kristall"
Erläuterungen und Klangbeispiele von Manfred Stahnke

Montag, 11. Juni 2001, 19.30 Uhr

Eintritt: DM 15,-- / erm. 10,-- (€ 7,67 / erm. € 5,11)
gefördert von der Kulturbehörde Hamburg


 
 

Bereits seit zehn Jahren widmet sich die Freie Akademie der Künste in ihrer Reihe "Portraitkonzerte" dem Werk jeweils eines zeitgenössischen Komponisten.
Nach dem diesjährigen Auftakt der Reihe im Mai 2001 mit einem Portrait der Hamburger Komponistin Babette Koblenz folgt am 11. Juni um 19.30 Uhr ihr Kollege Manfred Stahnke - ebenfalls neu zugewähltes Mitglied der Sektion Musik.
Die beiden vom Scardanelli Quartett aufgeführten Streichquartette "Panthesilea" und "Schrödingers Kristall" werden von Stahnke selbst anhand von Klangbeispielen und Erläuterungen ergänzt.


Prof. Dr. Manfred Stahnke wurde 1951 in Kiel geboren und studierte ab 1966 in Lübeck, Freiburg, Hamburg und in den USA Komposition und Musikwissenschaft. Er legte das Examen in "Musiktheorie und Komposition" 1973 in Freiburg ab. 1979 promovierte er in Hamburg bei Constantin Floros über Pierre Boulez.
Sein Hauptlehrer in Komposition war ab 1974 György Ligeti - vorher studierte er ab 1970 bei Wolfgang Fortner und 1973/4 bei Klaus Huber. Studium von Klavier und Violine in Lübeck und Freiburg (Klavier besonders bei Robert Alexander Bohnke und Edith Picht-Axenfeld). Stahnke wurde von der Studienstiftung des deutschen Volkes, vom DAAD, vom Goethe-Institut sowie von der Anni-Taube-Stiftung gefördert.

Zu seinen Kompositionen zählen drei Bühnenwerke: "DER UNTERGANG DES HAUSES USHER" nach E.A. Poe, Kammeroper Kiel 1981, "HEINRICH DER VIERTE" nach L. Pirandello, Kiel, Großes Haus 1987, "WAHNSINN, DAS IST DIE SEELE DER HANDLUNG", Kammeroper Gelsenkirchen 1985; ferner ein Werk für Chor und Orchester auf Niederdeutsch, vier Orchesterwerke, u.a. aufgeführt vom
Radiosinfonieorchester Hilversum, den Kieler Philharmonikern und dem SWF-Sinfonieorchester Baden-Baden (das neueste, "TRACE DES SORCIERS" 1997 in Donaueschingen), sowie diverse Hörspiel- und Kammermusiken. Gegenwärtig arbeitet er an einem Opernauftrag der Biennale München für 2002.

Stahnke schrieb für führende Ensembles der Neuen Musik, u.a. für das "ensemble modern" Frankfurt, das "ensemble avance" Stuttgart, das "Clementi-Trio" Köln, das "Stockholmer Bläserquintett", das "ensemble 13" Baden-Baden, das "nieuw ensemble" Amsterdam, das "Trio Accanto" Stuttgart etc. Seine Musik wurde auf großen Festivals wie den "Frankfurt Festen" oder (zweimal) bei den "Donaueschinger Musiktagen" gespielt, mehrmals auf den Internationalen Ferienkursen in Darmstadt, in vielen Ländern Europas und in Übersee.
Seit vielen Jahren widmet sich Stahnke intensiv den neuen, computerunterstützten Techniken: In den USA benutzte Stahnke 1979/80 Computer zur Erzeugung präziser Mikrotonmusik. Er studierte bei John Melby das Musikprogramm MUSIC 360 und war an der University of Illinois Schüler des Mikrotonalisten Ben Johnston. Von Illinois aus ging Stahnke 1980 nach Kalifornien an die Stanford Universität. Bei John Chowning, einem der führenden Computermusiker, lernte er die damals neuen Realtime-Systeme kennen.
Seit 1989 setzt er seine Kenntnisse im Computermusikbereich an der Hochschule für Musik und Theater Hamburg ein, dort vor allem, um präzise Mikrotonexperimente zu machen und komplexe Metrik besonders des europäischen Mittelalters und diverser Musikethnien zu studieren. Er ist jedoch kein Computermusikspezialist.
Ab 1983 arbeitete Stahnke zunächst als Lehrbeauftragter im Musiktheoriebereich an der Hochschule in Hamburg, seit 1994 als Professor für Komposition und Musiktheorie mit eigener Kompositionsklasse.

Stahnkes Werke wurden mit einigen Preisen ausgezeichnet:
Hitzacker 1978, Stuttgart 1979, Beethovenpreis Bonn 1983, Ostdeutscher Kulturrat 1983 und 1985, Bachpreis-Stipendium Hamburg 1985, Kulturpreis-Stipendium Kiel 1985, Ligetipreis 1989.

Stahnke hat Aspekte der Gegenwartsmusik auf internationalen Symposien in Berlin (Akademie der Künste), Hamburg, Heidelberg, Salzburg (Mozarteum), Graz (Steirischer Herbst), Darmstadt (Ferienkurse 1998) etc. behandelt und sich vielfach in theoretischen Schriften geäußert. Er wirkte als Dozent u.a. in Wellington, Neuseeland (composer in residence auf Einladung des Goethe-Instituts) und am Musikwissenschaftlichen Institut der Universität Hamburg und gab Seminare in vielen Ländern, zuletzt (Oktober 2000) in Buenos Aires.

1988 organisierte er in Hamburg den Ligeti-Kongreß "BILDER EINER MUSIK".
1993 war er Sektionsleiter "MUSIK-MASCHINE-BILDER" auf dem Internationalen
Mediensymposium "INTERFACE II" in Hamburg. Von 1999 an ist er im Musikbeirat des Goethe-Instituts München tätig.

Mit Freunden aus dem Ligeti-Kreis gründete Stahnke das Ensemble "CHAOSMA",
das sich neuen Formen der Gegenwartsmusik widmet. Chaosma besteht seit 1992 und hat unter seiner Leitung seither in vielen Ländern konzertiert, z.B. auf Festivals in Deutschland, Österreich, Dänemark, den Niederlanden, oder auf Einladung diverser Goetheinstitute in Russland, Mittel- und Südamerika, Japan, Schottland, Jugoslawien und 2001 den USA.

Stahnke gründete 1991 zusammen mit den Musikwissenschaftlern Dr. Peter Niklas Wilson und Dr. Joachim Noller die "GESELLSCHAFT FÜR NEUE MUSIK HAMBURG e.V." und führte lange den Vorsitz. Die GNMH widmet sich in Zusammenarbeit mit der Kulturbehörde Hamburg der Förderung junger KomponistInnen und führt gegenwärtig alljährlich das Festival "Pur oder Plus" durch.


Zum 4. Streichquartett "Schrödingers Kristall" von Manfred Stahnke 2000,
Auftragswerk der Biennale München:
Erwin Schrödinger hatte, gerade bevor die DNA-Struktur gefunden wurde, von einem "asymmetrischen Kristall" gesprochen, das dem Leben zu Grunde liege. Wäre es ein perfektes, "abgesichertes" Kristall, hätte es nicht die Fähigkeit, sich in Reaktion auf ein "Außen" stets zu ändern. Vielleicht könnte man genau hierüber nachdenken: dass Musik stets
testend, fragend ist, und wie der Komponist trotz so einer fragilen Suche es schaffen könnte, etwas scheinbar "Zusammenhängendes" zu bauen.

3. Streichquartett "Penthesilea" von Manfred Stahnke 1983:
Das Werk wurde 1983 vom artus-Quartett zur Beethoven-Preisverleihung der Stadt Bonn uraufgeführt. Teile der Musik sind auf altgriechischen Musikfragmenten vom Athenerschatzhaus in Delphi aufgebaut. Die Mikrotöne beziehen sich auf das alte enharmonische Tongeschlecht der Griechen. Im Vorspann der Partitur steht: "Der Stoff beruht auf dem gleichnamigen Drama von Heinrich von Kleist, in dem die Amazonenkönigin Penthesilea, einst in Anmut und Würde Themiscyra regierend, plötzlich in rasender Liebe zu Achilles entbrennt und ihn, ihrer selbst ohnmächtig, mit Elefanten und allem Kriegsgerät erjagt und mit ihren eigenen Zähnen zerfleischt."
Die Sätze lauten:
1. PAIAN (eine altgriechische Liedform, Apoll zugedacht),
2. AULODIA (Dionysos zugedacht)
3. CACCIA (Diana zugedacht).
Auf die Anrufung der drei Gottheiten folgt eine Darstellung der Szenerie auf Erden:
4. PENTHESILEA A THEMISCYRA
5. IL TORMENTO D'ACHILLE - 6. EPILOGO D'APOLLO - UN FRAMMENTO (aus altgriechischen Musikfragmenten, auf
Steinbruchstücken in Delphi gefunden)


Das Scardanelli Quartett wurde im August 1996 in Hamburg gegründet. Das Ensemble ist nach dem Namen benannt, den Friedrich Hölderlin seit ca. 1841 für sich gebraucht und mit dem er seine späten Dichtungen wie die ‘Jahreszeitengedichte’ signiert hat.
Das Scardanelli Quartett, das sind vier junge Leute, die sich weit hinter der Grenze ihrer Heimatländer getroffen haben. Sie kommen aus Paris, St. Petersburg und Kiew. Alle vier stammen aus Musikerfamilien, sind seit frühester Kindheit mit ihren Instrumenten vertraut und haben vor der Übersiedlung nach Deutschland bereits die umfassende Ausbildung an den
musikalischen Eliteinstituten ihrer Heimatländer durchlaufen. Jeder einzelne von ihnen verfügt nicht nur über langjährige solistische, sondern auch über kammermusikalische Bühnen- und Konzerterfahrung auf internationalen Podien.

Die Mitglieder des Scardanelli Quartetts erfuhren ihre kammermusikalische Ausbildung u.a. bei Vladimir Owscharek (Tanejew Quartett), Josef Lewinson (Tanejew Quartett), N. Pache (Quartette Sine Nomine) und W. Lauffer (Fine
Arts Quartett).

Das Quartett besuchte in Deutschland verschiedene Meisterkurse, u.a. beim Orpheus Quartett (Düsseldorf), bei Norbert Brainin (Amadeus Quartett), Sigmund Nissel (Amadeus Quartett) und Franz Beyer. Die vier Streicher gastierten in der Schweiz, in Spanien, in Frankreich (zuletzt Mai 2001) und konzertieren regelmäßig in Deutschland. Als Kammerensemble, das sich aus Absolventen verschiedener Musikhochschulen zusammengesetzt hat, war es für die Arbeit des Scardanelli Quartetts von Anfang zwingende Voraussetzung, diszipliniert selbständig zu arbeiten, eigene künstlerische Ideen zu entwickeln und auch außerhalb des Angebotes einer einzelnen Hochschule nach Anregungen zu suchen. Im Zuge eines solchen Arbeitens hat das Quartett sehr bald damit begonnen, sich nicht allein mit der
herkömmlichen Quartettliteratur, sondern zusätzlich mit zeitgenössischer Musik zu beschäftigen. Das Quartett ist regelmäßiger Gast einer Hamburger Konzertreihe für Musik des 20. Jahrhunderts und wurde schon mehrfach in
Folge zu dem Hamburger Festival für Neue Musik ‘Pur oder Plus’ eingeladen. Das Scardanelli Quartett konnte daher bereits verschiedene Uraufführungen - u.a. auch mit Werken, die für das Ensemble geschrieben worden sind - zum
Bestandteil seiner Konzertprogramme machen. Die Mitglieder des Ensembles werden überdies regelmäßig mit der Uraufführung des Preisträgerstückes des Internationalen Komponistenwettbewerbes ‘Musikalischer Frühling Bleckede’
(Musikfestival Lüneburg) betraut. Von der Arbeit des Quartetts zeugen mehrere Rundfunkeinspielungen (zuletzt Mai 2000, August 2000 und Mai 2001, Radio 3, NDR-Hamburg).