Ateliersituation © Shan Fan

 

Mittwoch, 1. Juni 2016, 18 Uhr
Eröffnung der Ausstellung
Shan Fan - Im Zeichen des Bambus
Bilder und Installationen
Zur Eröffnung sprechen
Meinhard von Gerkan (Begrüßung) und
Ulrike Münter, Berlin (Einführung)
Geöffnet vom 2. bis 26. Juni 2016, dienstags bis sonntags, 11 bis 18 Uhr
Eintritt zur Eröffnung frei, danach 5,- / erm. 3,-

 

„Ein bestimmtes Licht, ein Baum,
der im Winter Früchte trägt
und das Rauschen des Bambus im Wind“

Auch nach mehr als vier Jahrzehnten birgt die Bambusmalerei für den Künstler Shan Fan noch unbeschrittene Wege.

 

Auch nach mehr als vier Jahrzehnten birgt die Bambusmalerei für den Künstler Shan Fan (geb. 1959 in Hangzhou) noch unbeschrittene Wege. Nachdem er sich in seinem Studium in China der Technik der traditionellen chinesischen Malerei gewidmet hatte, veränderte die Übersiedlung nach Hamburg Mitte der 1980er-Jahre und die Beschäftigung mit der westlichen abstrakten Kunst seinen Blick auf die eigene Tradition. Ob in Tusche auf Reispapier, Öl auf Leinwand, bei der Übermalung eines traditionellen Klassikers oder in den Medien Installation und Performance – in seinen Arbeiten reflektiert und transformiert Shan Fan das Abstraktionspotenzial, das die Bambusmalerei charakterisiert. Die Linie wird zur Fläche, der Augenblick zur Dauer, Entropie zur physischen Erfahrung. Die Ausstellung Shan Fan. Im Zeichen des Bambus zeichnet diese Entwicklung retrospektiv nach.

In den ersten Hamburger Jahren hält Shan Fan an der traditionellen Tuschetechnik fest. Als „Malerei des Augenblicks“ bezeichnet er die in zahlreichen Nuancen zwischen dichtem Schwarz und einem nahezu unsichtbaren Farbhauch changierenden auf Reispapier gemalten Gewächse. Im Vergleich mit den Werken seiner klassischen Vorbilder fällt sofort auf, dass er kompositorisch Neuland beschreitet. Statt buschiger Bambusformationen zeigen Shan Fans Bilder lediglich einzelne Halme. Das Zentrum selbst bleibt leer. Ein weiterer Emanzipationsschritt ist der gebrochene Bambus. „Dass ich den Bambus breche“, so Shan Fan, „ist weniger ein aggressiver Akt. Mir ist vielmehr klar geworden, dass ich bis zu einem gewissen Grad mit der Tradition brechen muss, um sie lebendig erhalten zu können.“

Auch heute noch setzt Shan Fan sein eigensinniges „Alphabet der Bambusmalerei“ fort. Seit 2008 überträgt er zudem ausgewählte Bambusmotive mit feinsten Pinseln in Öl auf großformatige Leinwände. Diese bilden anschließend die Grundlage für weitere, zoomähnliche Darstellungen. „Indem ich immer kleinere Ausschnitte eines Bambus auf gleichbleibend große Leinwände übertrage, erreiche ich irgendwann den Punkt, an dem man nicht mehr erkennt, dass es sich um einen Bambus handelt“ (Shan Fan). Der konzentrierte schnelle Strich der Tusche weicht bei diesem material- und produktionsästhetischen Schwenk einer Millimeter für Millimeter voranschreitenden Flächengestaltung. Die „Malerei des Augenblicks“ avanciert zur „Malerei der Langsamkeit“.

Seine kritische Reflexion chinesischer Klassiker visualisiert Shan Fan in Die Leere füllen (2007). 280 Stunden meditativen Malens bedurfte es, um die Leerstellen eines reproduzierten Bambusbildes des renommierten Kalligrafen der Song-Dynastie, Wen Yuke, auszufüllen. „Zum einen wird dadurch die Leere als potenzielle Fülle sichtbar gemacht“, so Shan Fan, „zum anderen streicht dieser Tabubruch – ähnlich dem Vorgehen der Dekonstruktion – die chinesische Tradition der Leere durch. Die Leere wird also gleichzeitig als ‚Fehlen von etwas’ markiert.“ Nicht der Selbstverlust im momenthaften Tuschestrich ist nunmehr Ziel der Bambusmalerei, sondern eine kontemplative Selbsterfahrung.

Für seinen Zyklus zu den vier Jahreszeiten greift Shan Fan die Technik der in Öl auf Leinwand gemalten früheren Werke wieder auf, erreicht aber durch die gewählte Farbpalette eine Aquarellästhetik. Frühling, Malerei der Langsamkeit, 81 Hours (2014) beispielsweise zeigt zwei auseinanderstrebende Halme, die von einem gemeinsamen Ausgangspunkt am unteren Bildrand zur rechten beziehungsweise linken Seite der Leinwand ragen. Voller Spannkraft und mit elegantem Schwung verströmen sie die Kraft des Neubeginns. In kühlem Türkis, frischen Grüntönen und einer Skala von sonnigem Rot, Orange und Gelb schweben die Blätter jeder Ordnung der Natur zum Trotz und sich übermütig kreuzend im Freiraum der weißen Fläche. Die scheinbar fließenden Farbübergänge sowohl dieses Stilllebens als auch der Werke zu Sommer, Herbst und Winter entpuppen sich bei genauerem Hinsehen als mit feinsten Pinseln und kontrolliertem Farbauftrag gemalt.

Nur ein Jahr später, im Frühjahr 2015, legt Shan Fan den Pinsel zur Seite und holt damit auch noch diesen Anker ein, der ihn technisch mit der chinesischen Tradition verbunden hatte. Das westlich geprägte Medium der Zeichnung, die scharf konturierte oder flächig schraffierende Linie auf festem Untergrund, ist für die Kunstphilosophie Chinas ein Fremdkörper. Mit konzentriert geführtem Bleistiftstrich ahmt Shan Fan den Tuscheduktus nach. Aus einiger Distanz könnte der Betrachter meinen, hier wäre gemalt worden. Kompositorisch sticht insbesondere das erste Bild dieser Serie hervor, wenn man es im Kontext des Gesamtwerks betrachtet. Malerei der Langsamkeit 85 Stunden (2015) zeigt elf Bambushalme, die alle relativ gerade vom unteren Bildrand in die Höhe wachsen, sodass der Eindruck erweckt wird, man könnte in diesen Bambushain hineinlaufen. Im Gespräch mit Shan Fan korrespondiert diese Assoziation durchaus mit den Zukunftsperspektiven des Künstlers. In den letzten Jahren sei ihm zunehmend klarer geworden, dass er mehr Zeit in China verbringen möchte, erzählt er. Die Sehnsucht, dorthin zurückzukehren, wo er seine Kindheit verbrachte, werde immer stärker, auch wenn ihn jede Reise spüren ließe, dass es die Orte seiner Erinnerung so nicht mehr gibt. „Es ist wohl in erster Linie die Natur, die ich vermisse. An den Straßen meiner Heimat sehe ich manchmal einen Baum, der im Winter weiße Früchte trägt. Und dann ist da dieses Geräusch, wenn der Wind durch den Bambus weht.“

Von übergeordneter Aussagekraft für das Gesamtwerk von Shan Fan ist die filmisch und fotografisch festgehaltene Performance Entropy (2006). Wir sehen den Künstler in einem weißen, traditionellen Gewand. Schwarze Tusche ergießt sich über seinen Körper, fließt über seinen Kopf und über die Kleidung. Klares Wasser folgt, verwässert die schwarze Farbe zu hellem Grau. Doch so viel Wasser auch folgen mag, die Spuren der schwarzen Farbe bleiben. Der chinesische Titel Mein Tusche-Leben kann nicht weißgewaschen werden bringt den autobiografischen Bezug der Arbeit zum Ausdruck, während die Aussage des englischen Titels künstlerisch in Szene gesetzt wird: Nichts, was geschieht, ist umkehrbar; alles, was geschieht, verändert die Ausgangslage des Zukünftigen.

 

Shan Fan
Träger der Medaille für Kunst und Wissenschaft der Stadt Hamburg.
Mitglied der Freien Akademie der Künste.
Gründungspräsident der Brand Academy Hochschule für Design und Kommunikation.
Zahlreichen Einzel- und Gruppenausstellungen in Museen und Galerien weltweit.
Zahlreiche Publikationen.