© RADAR ensemble

Montag, 7. Dezember 2020, 20 Uhr
Eine Veranstaltung des RADAR ensembles
Access Memory!
Musik im Zeitalter der technischen Reproduzierbarkeit
Arbeiten von Ablinger, González Fernández, Kreidler, Lachenmann, Lemke, Lucier, Reich, Steen-Andersen u.a.
RADAR ensemble
John Eckardt (Kontrabass/E-Bass)
Ninon Gloger (Klavier/Keyboards)
Felix Kroll (Akkordeon)
Martin Posegga (Saxophone)
Johannes Öllinger (Gitarre/E-Gitarre)
Jonathan Shapiro (Percussion)
Sascha Lino Lemke (Elektronik)
Karten: 12,- / erm. 8,- Gefördert durch die Freie und Hansestadt Hamburg - Behörde für Kultur und Medien


Mit „Access Memory!“ bespielt das RADAR Ensemble die Räume der Freien Akademie der Künste Hamburg mit Installativem, Performances, Beiträgen im Konzertformat und Filmen. Dabei kreisen die Werke aus verschiedensten Perspektiven um die Faszination der revolutionären Wende, die das Speichern und Wiedergeben von Erinnerungen mit sich gebracht hat.

So tritt in „3___takt___zylinder“ der Schlagzeuger als scheinbarer Showmaster des Abends in eine Audio-Video-Maschinerie ein, die seine Aktionen aufzeichnet, ihn mit virtuellen Doubles in Beziehung setzt, virtuelle Realitäten und Geschichten schafft. Die beiden Stücke aus Ablingers „Voices and piano“ erwecken historische Aufnahmen bedeutender Persönlichkeiten über Lautsprecher zum Leben, während die Pianistin diese konkrete Stimmaufzeichnung mit ihren rhythmischen und intonatorischen Feinheiten am Instrument nachzuzeichnen sucht. Kreidlers Film „Compression Sound Art“ führt vor, welche gewaltigen Mengen kulturellen Erbes auf unseren Festplatten allgegenwärtig verfügbar sind und experimentiert mit Sinn und Unsinn der Komprimierung dieser Schätze. Simon Steen-Andersen überträgt die aus der elektronischen Musik kommende Idee des Remixes, des Überlagerns von Aufgezeichnetem, ins Instrumentale, wenn er seine Werkserie „Next To Beside Besides“ so konzipiert, dass die Einzelkompositionen sowohl solo, als auch in beliebiger synchronisierter Überlagerung gespielt werden können. Unsere Auswahl beginnt mit einem Solo und schichtet die Stimmen dann zu Duo- und anschließend Trio-Besetzung. Den Abschluss bietet Reichs „Electric Counterpoint“, indem sich die der E-Gitarrist von einer zunehmenden Anzahl von elektronischen Doubles begleitet wird.

Das zweite Set beginnt mit Lemkes „...and even further conversation with myself...“, in dem sich aus dem live aufgezeichneten Saxophon-Part dank mit partitur-ähnlicher Präzision programmierter Software ein elektronischer Gegenpart entwickelt, also wiederum die kreative Arbeit mit dem Gedächtnis des Computers im Vordergrund steht. Nach Aufführungen mit speziellen Beschallungssystemen im IRCAM und beim ZKM soll für dieses Konzert auch eine an den Raum angepasste Lösung programmiert werden. Im anschließenden „Four Organs“ arbeitet Reich mit vier gleichen Instrumenten, die gemeinsam einen Akkord auf verschiedenste Weise filtern, sei es durch verschiedenste Verdopplungen oder das Wegnehmen und Hinzufügen einzelner Töne des Akkords, sei es durch ständig wechselndes „Panning“, also die Verteilung der Töne im Raum über die vier Lautsprecher im Raum. Den Abschluss des Konzerts bildet die Aufführung des paradigmatischen lachenmannschen Werkes „Pression“ in der Fassung für Kontrabass, dem eine Uraufführung von Pedro González Fernández für Ensemble, Elektronik und Video folgt, die „Pression“ zum Ausgangsmaterial hat.

Im Rahmenprogramm zu diesen beiden konzerthaften Sets wird im Treppenhaus, das sich spiralförmig vom Parkplatz zur Eingangstür der Akademie hinaufwindet, mit „Come Out“ eines jeder paradigmatischen Werke zu hören sein, in dem durch leichte Zeit- und Geschwindigkeitsunterschiede beim Abspielen von Kopien einer Straßenaufnahme ungewöhnliche rhythmische und klangfarbliche Transformationen entstehen. Der Zuhörer wird bei seiner Ankunft und beim Verlassen des Konzerts an einem zufälligen Punkt in dieses Werk treten, kann es in der Pause aber auch komplett hören.

Das Ende der Pause wird eingeläutet durch eine Aufführung von Luciers beispielhafter Arbeit „I am sitting in a room“, bei der ein gesprochener Satz aufgenommen, in den Saal eingespielt und wiederum aufgenommen wird, wobei allmählich die akustischen Filterungen des Raumes die Sprache verwischen und in eine Klangfläche überführen und somit nochmals ein neues Licht auf Kunst im Zeitalter der technischen Reproduzierbarkeit werfen, wie etwa den Unterschied zwischen Aufnahme und Original, die Verlässlichkeit von Konservierung und vielem mehr.