Links: „Als Hemd war ich schon in New York“, 2015, Getragenes Herrenoberhemd, gefüllt mit alten Zeitungen, neu vernäht, Holz, Schellack © Foto: Tim Kubach, Hamburg
Rechts: „Tastend und tänzelnd nach oben (to Michael and Bill _ II)“, 2019, Getragene Herrenhosen, Zahnstocher, Bambusstangen © Foto: Peter Nikolaus Heikenwälder, Hamburg

 

Montag, 16. März 2020, 18 Uhr
Eröffung der Ausstellung
V E S T
oder
Der Himmel ist meine Hose

Neue Arbeiten von
Reinhold Engberding
mit Gastbeiträgen von Gerhard Lang, Peter N. Heikenwälder und Axel Loytved
Zur Eröffnung spricht
Dr. Roland Scotti
, Kunstmuseum Appenzell
Geöffnet bis 26. April 2020, dienstags bis sonntags, 10 bis 17 Uhr
Eintritt zur Eröffnung frei, danach 5,- / erm. 3,-

Was sollte mit über viele Jahre nah am Körper getragenen Kleidungsstücken geschehen, wenn der Verschleiß zu deutlich wird oder die Träger gestorben sind?
Seit 2006 denkt Engberding über diese Frage nach und arbeitet seither mit diesem Material. Waren es anfangs ausschließlich Jacketts und Hosen, sind es heute auch noch sehr viel näher am Leib getragene Textilien. Er nimmt sie auseinander, kombiniert sie mit Unerwartetem oder setzt sie neu zusammen, füllt und vernäht oder vernadelt sie zu eigenartigen kleinen Wesen. Es entstehen größere Installationen und kleine Skulpturen. Als „Textilarbeiter“ kann er sich zwar auf hochprofessionelle Vorfahren, einen Großvater und eine Großtante, jeweils mit eigener Werkstatt und Angestellten, beziehen, dies ist aber doch ein eher unwichtiges biographisches Detail. Engberding schätzt den handwerklichen Umgang mit dem eigenartig „belebten“ Material und liebt es, das benutzte Tuch auch gegen den Strich neu zu formen.

Das titelgebende Wort Vest hat Engberding aus dem Englischen, es bedeutet Leibchen. Heute kaum noch gebräuchlich, kennzeichnet dieses Wort ein nah am Oberkörper getragenes Kleidungsstück. Löst man es von dieser Bedeutung, liest man es grammatisch, entsteht ein „kleiner Leib“. Und damit wären wir sehr nah bei dem, zu was der Künstler das Material formt. Aber was könnte der Untertitel bedeuten? Zu vermuten ist ein Zufallsfund.

Seit Mitte 2017 ist Engberding Mitglied in der Freien Akademie der Künste in Hamburg. Er sieht diese Akademie im Unterschied zu gewöhnlichen Ausstellungsräumen deutlich als Ort des Austausches. U.a. deswegen erweitert er, Jahrgang 1954, seine Einzelausstellung durch Beiträge von drei jüngeren Kollegen: Gerhard Lang, * 1963, Schloss-Nauses, Peter Nikolaus Heikenwälder, *1972, Hamburg und Axel Loytved, *1982, ebenfalls Hamburg. Was diese drei zeigen werden, bleibt einstweilen offen. Die Besucher werden sich in der Ausstellung dann entweder fragen, wozu das Ganze, wozu gleich vier Positionen, feststellen, daß es doch interessante Korrespondenzen gibt, womöglich eine gemeinsame Sprache – oder doch eher ein Stimmengewirr.

Holger B. Nidden-Grien, November 2019