Zusammenarbeit mit der Körber Stiftung - Deutscher Studienpreis
BODYCHECK
DER KÖRPER ZWISCHEN KUNST UND WISSENSCHAFT

Montag, 18. November 2002, 19.30 Uhr

Eintritt: € 3,00 / erm. € 2,00


Dorcas Müller: "Egel, Chip" · Videoperformance zur Mensch-Maschine-Schnittstelle
Robin Hoffmann: "AN-SPRACHE" für Body-Percussion solo
Einführungen: Karl J. Pazzini und Simone Mahrenholt

"AN-SPRACHE" ist eine zehnminütige Komposition für Bodypercussion solo. Ziel der Arbeit war es, den menschlichen Körper zum Klingen zu bringen. Der Interpret, der sich dieses Stück erarbeitet, befindet sich dabei in einer besonderen Situation: Er ist Ausführender und Instrument zugleich. Alles, was er tut, wird wortwörtlich auf ihn zurückgeworfen. Er kann sich nicht in den Dienst der Musik stellen, denn er ist selbst ihr Gegenstand!
Der Reiz des Stückes liegt nicht darin, dass man auf dem Körper eine Trommel imitieren kann, sondern dass im Zuge der Klangerzeugung der Körper selbst "an-spricht". Der Körper wird als Ort des musikalischen Geschehens thematisiert. Folglich benennt die Partitur Orte am Körper und die Art ihrer Traktur. Durch ihre Verküpfung entstehen Bewegungen am Körper. Zeitweise verdichten sich diese zu Gesten. "AN-SPRACHE" ist eine akustisch gelenkte Choreografie.
Diese Vorgehensweise reicht bis in den Innenkörper hinein: Die Sprechlaute im Artikulationsapparat sind in einem neu entwickelten Notationssystem dargestellt. Dabei benennen Vokal- und Konsonantenschlüssel in einem Fünf-Linien-System die Artikulationsorte.
 
Anders als ein Schriftzeichen der internationalen Lautschrift, das den Laut als eine unteilbare Größe darstellt, ist der Laut nun, ganz phonetischen Kriterien folgend, als Komplex spezifizierter Merkmale ausgewiesen. Solche Kriterien sind beispielsweise: die Rundung der Lippen, die Richtung des Atems oder die relative Lage der Zunge im Mundraum. Mit solchen Kriterien kann komponiert werden! Durch einen neu gewonnenen, musikalischen Zusammenhang wird Sprache auf einen Zustand zurückgeführt, in dem sie sich befindet, wenn das Kind während der Lallphase sie gebraucht. Es spricht ein [l], ohne ein "l" zu kennen. Stattdessen erkundet es lustvoll die Orte im Mundraum und entdeckt sie als Teile seines Körpers.



Seine körperlichen Fähigkeiten über das hinaus auszudehnen, was die organische Grundausstattung vorgibt, ist ein menschliches Bedürfnis. Es findet auf unterschiedlichste Arten Ausdruck. Eine davon, in der Medienwelt umfangreich reflektiert, ist der Cyberkult. Der Mensch sucht Anschluss ans Netz. Die Verbindung steht schon: Der Neurochip ist ein real existierendes Medium - die Schnittstelle zum Körper.
Hier setzt die zehnminütige Videosequenz "Egel, Chip" an, die eine Performance dokumentiert. Den Anstoß zu dem künstlerischen Experiment mit einem Blutegel lieferte eine Skizze des Biophysikers Peter Fromherz.
Mit der Strichmännchenzeichnung "Brain-Computer Junction" illustrierte Fromherz 1985 seine Vision von einem direkten Informationsaustausch zwischen einem menschlichen Gehirn und einem Computer. Die erste funktionsfähige Schnittstelle, der Neurochip, entstand zu Beginn der 1990er Jahre unter seiner Ägide in der Abteilung für Membran- und Neurophysik im Max-Planck-Institut in Martinsried. Dabei fanden Siliziumchips und lebendige Blutegelhirnzellen Verwendung. Mit einem Durchmesser von 60 Mikrometern sind Letztere für Zellmaßstäbe außergewöhnlich groß; das machte sie für die Forschungen geeignet.
In der Videoperformance sind die Komponenten Chip - Blutegelhirnzelle - menschliches Gehirn in die unmittelbar zu erfahrende Welt übersetzt. Der Kopf eines PC-Nutzers ist durch einen an der Stirn festsitzenden Blutegel mit einem Laptop verbunden. Mit seinem hinteren Saugnapf ist der Egel an den Monitor "angeschlossen". Durch die rhythmische Saugbewegung, die den ganzen Egelleib durchläuft, ist der Informationsfluss aufs Eindringlichste veranschaulicht. Bis von der Stirn Blut auf den Bildschirm zu tropfen beginnt.