Ausstellung
ALTE WEICHSELBRÜCKE DIRSCHAU
1850-1857

In Kooperation mit der Hamburgischen Ingenieurkammer Bau
und der TUHH, Arbeitsbereich Massivbau

Eröffnung: Donnerstag, 5. September 2002

Begrüßungen:
Dr.-Ing. Karl H. Schwinn
Präsident der Hamburgischen Ingenieurkammer Bau und der Bundesingenieurkammer
Horst von Bassewitz
Vorsitzender der Sektion Baukunst der
Freien Akademie der Künste Hamburg

Einführung:
Prof. Dr.-Ing. Wieland Ramm
Universität Kaiserslautern, Kurator der Ausstellung:
"Die alte Weichselbrücke Dirschau: Meilenstein in der Entwicklung des Ingenieurbaus und zeitgeschichtliches Denkmal"
geöffnet bis 6. Oktober 2002 - dienstags bis sonntags, 11 bis 18 Uhr

Eintritt zur Eröffnung frei; ab 6. September: € 2,50 / erm. € 1,50

 

In Tczew (Dirschau), Polen, bilden die Weichselbrücken ein historisch bedeutsames Ensemble. Insbesondere die drei überkommenen und heute denkmalgeschützten Felder der Alten Weichselbrücke von 1857 stellen zusammen mit den vier Pfeilertürmen ein in ihrer Art einzigartiges Monument der Technik- und Zeitgeschichte dar.

Der unmittelbare Anlaß für die Errichtung der ersten Brücke in den Jahren 1850 - 1857 war der Bau der sogenannten Preußischen Ostbahn von Berlin nach Königsberg. Noch 1840 gab es auf dem Kontinent nur einzelne kurze Eisenbahnstrecken.

Doch danach folgte ein geradezu stürmischer Ausbau des mitteleuropäischen Eisenbahnnetzes. Eine Streckenkarte von 1860 zeigt bereits auch den Verlauf der Preußischen Ostbahn, die hier bei Tczew die Weichsel kreuzt. Die Trasse der nach 1840 geplanten Bahn führte quer durch das Weichseldelta. Zwei für die damalige Zeit außergewöhnliche Großbrücken wurden erforderlich: Eine zur Überquerung der eigentlichen Weichsel hier in Tczew (Dirschau) und eine kürzere Brücke zur Überquerung der Nogat bei Malborg (Marienburg). Wegen der regelmäßigen Hochwässer und insbesondere wegen des winterlichen Eisgangs waren Brückenbauwerke mit großen Spannweiten erforderlich, um den Durchflußquerschnitt möglichst wenig einzuengen.

Der Bau der Ostbahn wurde vom preußischen Staat in eigener Regie durchgeführt, und mit der Leitung der Brückenprojekte wurde ein hoher Ministerialbeamter, der Geheime Oberbaurat Carl Lentze, beauftragt.Lentze plante in Tczew zunächst die 2. Ausführung einer Kettenbrücke, wie er sie anläßlich einer Informationsreise nach Großbritannien kennengelernt hatte, wo er die von Thomas Telford erbaute Brücke über die Menai-Straits besucht hatte. Bald nach dem Beginn mußten 1847 die Bauarbeiten an der Ostbahn nochmals eingestellt werden, und zwar wegen finanzieller Engpässe des preußischen Staates und wegen der Unruhen im Vorlauf des Revolutionsjahres 1848. Carl Lentze nutzte die Zeit der Bauunterbrechung zu einer zweiten Informationsreise nach Großbritannien, wo er insbesondere die Baustelle der Britannia-Bridge in Wales besuchte und dieses Projekt von Robert Stephenson eingehend studierte.Nach seiner Rückkehr gab Lentze das Projekt der Kettenbrücke auf und entschloß sich, in Tczew und Malborg ebenfalls Balkenbrücken auszuführen. Während aber die 1850 fertiggestellte Britannia-Bridge als sogenannte Tubular-Bridge (Röhren-Brücke) Kastenträger mit vollwandigem Querschnitt aufwies, wählte Lentze für die Brücken der Ostbahn aufgelöste Träger mit feinmaschigen Gitternetzen, und zwar in Tczew mit 6 Öffnungen von je 131 m Spannweite.

Bei dieser Entscheidung mag die Besichtigung der in Bau befindlichen Royal Canal Bridge der Dublin-Belfast-Eisenbahn während der ersten Informationsreise eine Rolle gespielt haben. Die dort 1845 fertiggestellte Gitterbrücke hatte allerdings nur 43 m Stützweite und war konstruktiv anders gestaltet, was zu Schäden führte. Diese irische Brücke war amerikanischen Gitterbrücken aus Holz der Bauart Town nachgebildet worden. Als 1851 der Reisebericht von Culmann über den Bau der hölzernen Brücken in den Vereinigten Staaten erschien, mag dieser für Lentze eine Bestätigung der getroffenen Entscheidung gewesen sein.

Die statischen Berechnungen und Detailkonstruktionen der Dirschauer Brücke erfolgten durch Eduard Schinz, einen überaus tüchtigen, in der Schweiz geborenen Ingenieur. Schinz verstarb 1855 noch während der Bauzeit, wurde in Tczew begraben und erhielt in Würdigung seiner Leistung ein Grabmal aus Granit von der preußischen Regierung, das heute leider nicht mehr existiert. 1851 fand die feierliche Grundsteinlegung durch den preußischen König am Widerlager auf der Seite von Tczew statt.
Um die erforderliche Gesamtlänge der Brücke auf 837 m zu beschränken, wurde das rund.3 1000 m breite Flutgelände der Weichsel am östlichen Ufer örtlich durch Deichbauten eingeengt.