Dienstag, 3. Oktober 2006, 19.30 Uhr
In Kooperation mit der Buchhandlung Heymann, dem Grand Elysée und dem Literaturhaus Hamburg
Günter Grass
liest aus seinem Buch
Beim Häuten der Zwiebel
Im Grand Elysée, Rothenbaumchaussee 10, Hamburg
Eintritt: € 15,-
Aus technischen Gründen Kartenvorverkauf nur über www.ticketonline.com
und die Tageskasse der Akademie: dienstags bis Freitags, 11 bis 17 Uhr
(Stehplätze zu € 8,- ab 18 Uhr nur an der Abendkasse im Elysée)

Wer sich anschickt, über sein eigenes Leben zu schreiben, gerät schnell in die Fangstricke, die die Gattung der Autobiografie auslegt. Wie ist es möglich, dem unsicheren Kantonisten "Erinnerung" zu vertrauen und gleichzeitig mit den Lesern einen autobiografischen Pakt zu schließen, der die Wahrhaftigkeit des Berichts untermauern soll? Von Rousseaus "Bekenntnissen", Karl Philipp Moritz' "Anton Reiser" über Goethes "Dichtung und Wahrheit" bis hin zu den großen modernen autobiografischen Erkundungen von Thomas Bernhard, Christa Wolf, Hermann Lenz oder Elias Canetti reicht die Palette, die das Genre aufweist. Günter Grass reiht sich in diese lange Traditionslinie ein, obschon "Beim Häuten der Zwiebel" den Begriff der Autobiografie tunlichst meidet. Mit dem Ausbruch des Zweiten Weltkrieges, einem Paukenschlag für den 12-Jährigen aus Danzig, setzen diese Lebenserinnerungen ein und enden genau zwanzig Jahre später, als "Die Blechtrommel" die literarische Nachkriegslandschaft mit einem Mal verändert und aus dem jungen Autor bald einen weltweit anerkannten Repräsentanten deutscher Intellektualität macht.
"Beim Häuten der Zwiebel" - die leitmotivisch eingesetzte Zwiebelbildlichkeit signalisiert die Mühsal und das Unwägbare des Sich-Erinnerns: Was hat sich eingeschrieben in die trockenen und in die saftigen Zwiebelschalen? Wie mag es gelingen, diese mal verschwommemen, mal verwischten Schriftzüge zu entziffern? Und dringt derjenige, der die Schalen behutsam ablöst, wirklich bis zum "wahren" Kern der Vergangenheit vor? Oder bleibt alles Imagination, dass sich erst in der Arbeit des Erzählens zu einer Vorstellung der Wahrheit rundet? Günter Grass scheut diese Mühen der Erinnerungsebenen nicht und lässt nicht nach in der Anstrengung, das Bild des Jünglings, der er einst war, heraufzubeschwören. Dessen Denkweise, dessen Emotionen und, natürlich, dessen Einstellung zum Hitlerregime ... und die auch in der Rückschau nicht restlos aufzuklärende Bereitschaft, sich dem "Führer" hinzugeben, bis zuletzt an den "Endsieg" zu glauben und sich als 17-Jähriger freiwillig zur Division "Frundsberg" der Waffen-SS zu melden. Dieses in der Öffentlichkeit bis dahin unbekannte Faktum wurde in der Öffentlichkeit ausgiebig erörtert, mit bedenkenswerten und mit absurden Argumenten, vorgetragen nicht selten von jenen, die die Chance gekommen sahen, es dem nie mit seinen Überzeugungen hinterm Berg haltenden Nobelpreisträger heimzahlen zu können.
Die Diskussion über Grass' langes Schweigen sollte nicht verdecken, dass "Beim Häuten der Zwiebel" ein autobiografisches Werk ist, in dem es viel entdecken gibt. Den bayerischen Knobelbruder Joseph zum Beispiel, den Grass im Krieg kennen lernt und der es in der Kirchenhierarchie weit, sehr weit bringen sollte. Oder die Anfänge des bildenden Künstlers als Steinmetzlehrling und das Hinübergleiten in die Literatur. Oder die immer wieder aufblitzende Kraft des Erzählers Grass, etwa wenn er von jenem Koch berichtet, der im Kriegsgefangenenlager Kurse anbietet und in Ermangelung realer Zutaten imaginäre Köstlichkeiten vor den Augen und Ohren seiner Zuhörer ausbreitet ...