Donnerstag, 17. Juni 2010, 19.30 Uhr
Portraitkonzert
Dieter Mack
Jörg Widmann, Klarinette - Nari Hong, Flöte - Ensemble Selisih (Elizabeth Farrell, Flöten - Daniela Wahler, Altsaxophon, Bariotonsaxophon - Markus Rombach, Altsaxophon, Sopransaxophon - Mathias Trapp, Klavier - Max Riefer, Schlagzeug) , Ensemble Eardrum (Johannes Fischer, Domenico Melchiorre und als Gast Nari Hong, Flöte) -Manfred Stahnke und Dieter Mack im Gespräch
Eintritt: 8,- / erm. 5,-
Gefördert durch die Behörde für Kultur, Sport und Medien der Freien und Hansestadt Hamburg
Details

Dieter Mack wurde 1954 in Speyer geboren. Nach ersten musikalischen Aktivitäten im Umfeld experimenteller Rockmusik und Jazz, studierte er von 1975- 1980 Komposition (Huber Ferneyhough), Klavier und Musiktheorie an der MHS Freiburg. Seit 1980 erhielt er verschiedene Lehraufträge für Musiktheorie und balinesische Musik in Freiburg, Trossingen und Basel. 1986 erhielt er eine Professur für Musiktheorie in Freiburg und seit 2003 ist er Professor für Komposition an der MHS Lübeck. Von 1977 – 1981 war er Assistent (1981 auch Stipendiat) am Experimentalstudio der Heinrich-Strobel-Stiftung des SWR, und 1980 trat er dem Stuttgarter Ensemble „ExVoCo“ bei. Seit 1978 führten ihn zahlreiche Studienaufenthalte nach Indien, Japan aber vor allem nach Indonesien. Nach einem einjährigen Forschungsaufenthalt auf Bali im Jahre 1981/82 gründete er das Freiburger Gamelan-Ensemble „Anggur Jaya“, das 1998 auch auf Bali gastierte. Im Jahre 1988 begann auf Grund einer Konzerttournee seine umfassende Lehrtätigkeit in Indonesien. 1992-95 war er DAAD-Langzeitdozent an UPI Bandung und Mitglied der nationalen Lehrplankommission Indonesiens. Von 1996 – 2007 war er Konsultant eines pädagogischen Forschungsprojekts an UPI-Bandung das von der Ford Foundation finanziert wurde. Seit 2000 unterrichtet er als Gastprofessor im Aufbaustudiengang Komposition an ISI Surakarta. Er ist derzeit Vorsitzender der Musikauswahlkommission des DAAD und Mitglied des Beirats des Goethe Instituts. Gastlehrtätigkeiten führten ihn neben Indonesien vor allem in die USA, nach Kanada, Neuseeland, Japan, Malaysia, und China. Als Komponist widmet er sich besonders der größer besetzten Kammermusik. Als Autor äußert es sich vor allem zu interkulturellen Fragestellungen

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www.dieter-mack.de

 

PROGRAMM

"Trio III" (2005)  
für Flöte (Piccolo), Altsaxophon und Klavier                                                                  

 „Trio III“ gehört in eine Reihe von kleineren Kammermusikwerken (Duette und Trios), bei denen vor allem besondere individuelle Spielweisen und hochgradige Verschmelzung eine Rolle spielen. In „Trio III“ steht vor allem die Idiomatik des Altsaxophons im Mittelpunkt, auch wenn es nicht als Soloinstrument (mit Begleitung) eingesetzt wird. Konzertante Elemente spielen in diesem Werk keine Rolle. Das Klavier wird sehr schlagzeugartig behandelt und soll auch dementsprechend - von markierten Ausnahmen abgesehen - gespielt werden. Die Präparation des Klaviers  muss so eingerichtet werden, dass gedämpfte, glockenartige Klänge entstehen (je verfremdeter bzw. „schlagzeugartiger“, desto besser).
Elizabeth Farrell – Flöte,  Daniela Wahler – Altsaxophon, Mathias Trapp - Klavier

"Telu" (1990)
für Schlagzeug solo

Während das Schlagzeug in meiner gesamten Musik eine zentrale Funktion hinsichtlich Gliederung von etwas Zusätzlichem hat, stellte sich in "Telu"  das Problem zwangsläufig anders, da eben dieses Zusätzliche fehlt.
Andererseits konnte ich diese, für mich unverzichtbare Kernfunktion nicht aufgeben und versuchte, beide Pole im Rahmen der Möglichkeiten eines einzigen Spielers zu realisieren. Weiterhin ist "Telu" der erste Versuch, in meinem musikalischen Kontext mit mehreren metrischen Schichten eine andere Art von Polyphonie zu erzeugen. Es war für mich dabei selbstverständlich, ein kleines und fast monochromes Instrumentarium zu verwenden, um mich auf eine möglichst effektive parametrische Verdeutlichung der drei Ebenen konzentrieren zu können.
Johannes Fischer – Perkussion solo

"Selisih" (2003)
für Alt – und Baritonsaxophon
„Selisih“ (Indonesisch „Auseinandersetzung“) ist das zweite Stück einer Reihe von Duetten, die bestimmte Dialogsituationen zwischen zwei Personen zum Ausgangspunkt haben. Die Musik soll deswegen von einem gewissen "sprechenden" Charakter geprägt sein, ohne dass ein bestimmter Text oder ein bestimmter Inhalt zugrunde läge. Es geht vor allem um die jeweiligen Verhältnisse zueinander, die auf eine musikalische Ebene stilisiert und sich verselbständigend übertragen worden sind. Auf der Basis dieser verschiedenen Situationen und Positionen wurde eine weitere detailliertere Ausarbeitung vorgenommen.
Die Mikrotonalität hat in diesem Stück in der Regel eine "psychologische" Wirkung der Unsicherheit und des instabilen Pendelns zwischen fixen Eckpunkten. Es geht deswegen nicht um den absoluten Viertelton, sondern  -  bis auf wenige, aus dem Kontext klar ersichtliche Stellen - um Mikroschwankungen, die eine fluktuierende Instabilität oder lineare "Verbiegungen" inmitten präziser Pfeiler vermitteln sollen.
Daniela Wahler, Markus Rombach – Saxophone

"Jonico" (2008)
für zwei Schlagzeuger

Die Verwendung von Schlaginstrumenten ist in nahezu allen meinen Werken von Bedeutung. Rhythmische Kontrapunkte und kolotomische (formale) Markierungen sind dabei die wesentlichen musikalischen Funktionen im Kontext kammermusikalischer Kompositionen. Bei reiner Schlagzeugmusik sind diese Funktionen, wie auch in "Telu" nur bedingt applizierbar, so dass ein anderer Ausgangspunkt gewählt werden musste.
Eine grundlegende Idee wurde durch Domenico Melchiorre ausgelöst, der auf der Suche nach bestimmten tiefen und komplexen Metallklängen das sogenannte "Nicophon" entwickelte. Daraus entwickelte ich ein kompositorisches Konzept auf der Basis von Metallklängen.
Weiterhin – und dies spielt in allen meinen Werken seit etwa 2000 eine zentrale Rolle – beschäftigte ich mich mit den individuellen Eigenschaften und Merkmalen des Schlagzeugspiels von Domenico Melchiorre und Johannes Fischer (die Auftraggeber des Duos "eardrum"). Die Unterschiede waren überraschenderweise relativ signifikant, und ich versuchte die beiden Charakteristika gleichsam miteinander zu verbinden. So entstand eine Komposition mit einer "funktionellen Virtuosität", wo zusätzlich jedoch ebenso energetische Aspekte und verschiedene Raumtiefen eine Rolle spielen. 
Johannes Fischer & Domenico Melchiorre-Perkussion
               
"Chedi" (2000)
Klavier solo

Solostücke kann man in meinem Schaffen eher als Randerscheinung betrachten. Tatsächlich liegt der Schwerpunkt meiner künstlerischen Ideen auf dem Gebiet der Kammermusik. Dabei interessiert mich auf verschiedene Art und Weise die Fragestellung inwieweit zwischenmenschliche Beziehungen oder auch Rollenspiele auf eine musikalische Form übertragbar sind. Oder mit anderen Worten, gibt es auch in der Musik Prinzipien, die auf einer abstrakten Ebene solchen Kommunikationsverhältnissen und –prozessen entsprechen? Bei einem Solowerk, ist dies naturgemäß nahezu unmöglich. Auf der anderen Seite kann man aber versuchen, die verwendeten musikalischen Elemente als „Persönlichkeiten“ aufzufassen, um mit ihnen gleichsam einen Diskurs zu inszenieren. Dies ist einer der Ansatzpunkte, die zu „Chedi“ führten. Der Titel selbst bezieht sich auf ein Hotel in Bandung/Indonesien, das seit ca. 1996 mein regelmäßiges Domizil darstellt und in den wenigen ruhigen Minuten meiner dortigen Arbeit, immer wieder notwendiges Rückzugsgebiet für kreative Ideen war; so auch im Falle dieses Klavierstücks.
Mathias Trapp – Klavier



--Pause --


"Sprachtanz" (2010) Uraufführung
für Klarinette in Bb solo

Zwei Dinge kamen zusammen und motivierten mich, ein Stück für Klarinette solo zu schreiben.
Zunächst war es das generöse Angebot von Jörg Widmann, ein Solowerk für ihn zu schreiben. Somit war es naheliegend, Jörgs Charakter, seine dynamische Expressivität aber auch seine Kreativität in das Konzept des Werkes mit einzubeziehen. Zudem ist die Klarinette wohl das flexibelste Holzblasinstrument und ermöglicht eine Aura, die wiederum meinen grundsätzlichen musikalischen Ideen näher steht, als dies bei anderen Soloinstrumenten wahrscheinlich der Fall wäre. Diese Flexibilität hat vor allem mit dem ungewöhnlich großen Tonumfang (auf Grund bestimmter akustischer Eigenschaften), den sehr unterschiedlichen Klangregistern aber auch den extremen dynamischen Möglichkeiten zu tun. Dadurch hat die Klarinette für mich die größte Nähe zur menschlichen Stimme, ein Wesensmerkmal, das weltweit normalerweise eher den Doppelrohrblattinstrumenten zugeschrieben wird, jedoch weniger der westlichen Oboe. 
Der zweite Ausgangspunkt dieser Komposition, der sich vor allem in formaler und allgemein struktureller Hinsicht manifestierte, war die Realisation einer Idee, die mich schon seit über 20 Jahren beschäftigt hatte. Sie hat mit einem balinesischen Schattenspieler, einem so genannten dalang zu tun. Ein dalang ist ein Schatten-Puppenspieler. Er oder sie muss von einer unglaublichen Vielseitigkeit, bzw. von der Fähigkeit zum "multi-tasking" gekennzeichnet sein. Theater spielen, singen, rezitieren, führen etc. sind nur einige der nötigen Fähigkeiten. Zugleich muss ein dalang in der Lage sein, innerhalb von Sekunden verschiedenste Charaktere während einer Aufführung verbal aber auch szenisch umzusetzen. Die Art wie Sprechen, Singen, Agieren etc. während einer Aufführung untrennbar miteinander verwoben sind war/ist für mich eines der beeindruckendsten Erlebnisse in balinesischer Kunst.
In "Sprachtanz" – der Titel bringt es bereits deutlich zum Ausdruck – habe ich auf einer ganz anderen, abstrakten und kulturell neutralen Ebene versucht, diese Art von multiplem Agieren musikalisch umzusetzen. In gewisser Weise ist Jörg Widmann für mich ein potentieller "westlicher dalang" wenn er konzertiert, und somit ist er zugleich der ideale Interpret für dieses künstlerische Konzept.
Jörg Widmann – Klarinette

"Wantilan" (1988, revidiert 2008)
für Altflöte (C-Flöte, Piccolo) und Perkussion

"Wantilan" entstand im Jahre 1988. "Wantilan" ist der balinesische Begriff für eine, meist offene Halle in der Dorfmitte (oder an einen Tempel angegliedert), wo zu verschiedensten Anlässen Aufführungen stattfinden. Hinsichtlich dieser Komposition hat der Begriff ausschließlich privaten, anekdotischen Charakter.
In den 1980er und 1990er Jahren beschäftigte ich mich immer wieder auf verschiedene Art und Weise mit formalen Strukturen, die jenen in javanischer und balinesischer Musik nicht unähnlich sind. Dies bedeutet jedoch nicht, dass "Wantilan" eine Imitation indonesischer Musik darstellt. Bestimmte Beziehungen und Abhängigkeiten zwischen Melodie und rhythmischer Strukturierung stehen im Vordergrund.
"Wantilan" liegt ein Gong-Zyklus zugrunde, der achtmal wiederholt wird (dabei ist die sechste Wiederholung doppelt so lang, die siebte um die Hälfte kürzer; die inneren Proportionen bleiben dabei gleich). Als melodische Basis dient eine Art cantus firmus. Der erste Zyklus konstituiert sich aus drei Schichten, die zusammen mit dem cantus firmus in den folgenden Zyklen immer wieder neu kombiniert und variiert werden, so dass die verschiedenen Ebenen in allen Wiederholungen präsent sind.
Im Rahmen eines Workshops entstand 1989 an der Kunstakademie STSI in Bandung/Westjava eine Fassung von "Wantilan" für sundanesische Instrumente und 14 Spieler. Die originale Version wurde von der indonesischen Tänzerin Juju Masunah choreographiert.    
Die Revision von 2008 bezieht sich vor allem auf die zusätzliche Verwendung von C- und Piccolo-Flöte. Außerdem wurden einige Übergänge zwischen den Zyklen leicht variiert.
Johannes Fischer & Nari Hong-Fischer

"Voyage" (2010)
Für Flöte (Piccolo & Bassflöte) Altsaxophon ( Sopransaxophon)
Baritonsaxophon (Altsaxophon), Schlagzeug, Piano (mit Präparation)

"Voyage" wurde für das Ensemble Selisih, zuzüglich einem Schlagzeuger geschrieben.
Im Sommer 2009 war ich mit dem Ensemble Selisih auf einer Indonesien-Neuseeland Tournee. Die gemeinsame Arbeit und die gemeinsamen Erfahrungen gaben mir verschiedene Hinweise über die jeweiligen Wesensmerkmale und spezifischen Spielweisen dieser engagierten Musikerinnen und Musiker. Auch das Ensemble als Ganzes hinterließ bei mir einen bestimmten Eindruck, und all dies wurde zusammen mit meinen eigenen persönlichen musiksprachlichen Ideen zur Grundlage dieser Komposition. "Voyage" bezieht sich somit explizit auf diese gemeinsame Zeit im Sommer 2009, ist aber keineswegs eine Art musikalisches Tagebuch, sondern repräsentiert eine Art abstrakte Reise auf einer völlig eigenständigen musikalischen Ebene.
Ensemble Selisih


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Ensemble Selisih
Elizabeth Farrell – Flöten
Daniela Wahler – Altsaxophon, Bariotonsaxophon
Markus Rombach – Altsaxophon, Sopransaxophon
Mathias Trapp – Klavier
Max Riefer – Schlagzeug

ensemble eardrum
Domenico Melchiorre – Schlagzeug
Johannes Fischer  - Schlagzeug
Nari Hong-Fischer  - Flöten (als Gast)