Klavierkonzert
Im Fokus des Widerständigen –
Henze 100 / Müller-Wieland 60
Shoko Kuroe, Klavier Jan Müller-Wieland, Vortrag
Hans Werner Henze und Jan Müller-Wieland, beide Mitglieder der Freien Akademie der Künste, zeichnen sich durch einen scharfen und zugleich menschenfreundlichen Blick auf gesellschaftliche Themen aus.
Vor dreißig Jahren vertonte Hans Werner Henze als „Neunte Sinfonie“ sieben Fluchtversuche aus dem NS-Konzentrationslager Osthofen bei Worms. Die Vorlage für das große Werk für gemischten Chor und Orchester bildete Anna Seghers Roman „Das siebte Kreuz“.
Anlässlich von Henzes 75. Geburtstag hielt Jan Müller-Wieland im September 2001 (wenige Tage vor den Anschlägen auf das World Trade Center) einen Vortrag über diese Sinfonie in der Alten Oper in Frankfurt. 25 Jahre später werden die damaligen Überlegungen, die heute aktueller denn je sind, zu Ehren des 100. Geburtstags von Hans Werner Henze erneut aufgegriffen.
Anlässlich des 60. Geburtstags des in Hamburg geborenen und bei Henze ausgebildeten Jan Müller-Wieland umrahmen traumwandlerische Klavierwerke beider Komponisten den Abend.
Programm:
Hans Werner Henze (1926 – 2012): Sonata per pianoforte (1959)
Vortrag von Jan Müller-Wieland:
Henzes „Enkel“ – im Fokus des Widerständigen
Ansichten zu Henzes 9. Sinfonie
Jan Müller-Wieland (geb. 1966): Capriccetti, 2. Zyklus (2014-2017)
Shoko Kuroe, Klavier
Shoko Kuroe wurde 1971 in Japan geboren und erhielt mit vier Jahren ihren ersten Klavierunterricht. Seit 1981 lebt sie in Hamburg, wo sie von Eliza Hansen ausgebildet wurde. Besonders prägend für ihre künstlerische Entwicklung waren außerdem Begegnungen mit Künstlern wie Christoph Eschenbach, Mitsuko Uchida, Andrei Gavrilov und dem Cleveland Quartet. Sie war Preisträgerin verschiedener nationaler und internationaler Wettbewerbe und Stipendiatin der „Oscar-und-Vera-Ritter-Stiftung“ und der „Zeit-Stiftung“.
Shoko Kuroe tritt als Solistin in Europa, in den USA und in Japan auf, auch mit Orchestern unter Dirigenten wie z. B. Volker Schmidt Gertenbach, Horia Andreescu und Saulius Sondeckis. Sie ist eine begeisterte Kammermusikerin und arbeitete auch mit Schauspielern wie z.B. Evelyn Hamann, Christoph Bantzer und Hans-Jürgen Schatz zusammen. Ihre Interpretationen sind dokumentiert in internationalen TV- und Rundfunkaufnahmen (u.a. bei ARD, ZDF, NDR, dem Rumänischen Nationalrundfunk) sowie CD-Einspielungen. Seit 1986 ist sie regelmäßig Gast bei internationalen Festivals wie z. B. dem Schleswig-Holstein Musik Festival, wo sie auch als Dozentin an der Orchesterakademie tätig war.
Ein wichtiger Teil ihrer künstlerischen Arbeit liegt in der Musikvermittlung – so wirkte sie u. a. bei Familienkonzerten des Schleswig-Holstein Musikfestivals, am „Training for Education“ Programm des Aldeburgh Festivals sowie an den „Outreach Concerts“ in England und in den USA mit und entwickelte das Programm „Elise im Wunderland“.
Hans Werner Henze wurde am 1. Juli 1926 in Gütersloh geboren. Er begann seine musikalische Ausbildung an der Staatsmusikschule Braunschweig. Als Kind erlebte er die Angriffe der Nationalsozialisten auf die moderne Musik, Kunst und Literatur. Nach einer Verpflichtung als Korrepetitor am Stadttheater Bielefeld begann Henze 1946 ein Studium bei Wolfgang Fortner am Kirchenmusikalischen Institut in Heidelberg. In den späten 1940er Jahren kam er mit dem Serialismus und den Darmstädter Ferienkursen für Neue Musik in Berührung. Unglücklich über die mangelnde Aufarbeitung des Dritten Reichs in der Nachkriegsrepublik einerseits und den ästhetischen Dogmatismus in der neuen Musik andererseits verließ Henze 1953 nach Engagements am Theater Konstanz und am Hessischen Staatstheater Wiesbaden seine Heimat und ließ sich in Italien nieder. Die räumliche und geistige Distanz zur deutschen zeitgenössischen Musikszene sowie die Erfahrungen in der Wahlheimat verhalfen seiner Musik zu neuem Ausdrucksreichtum.
In den späten 70er und 80er Jahren wandte er sich verstärkt traditionelleren Formen zu. 1962 bis 1967 unterhielt Henze eine Meisterklasse für Komposition am Mozarteum Salzburg, Lehraufträge führten ihn in die USA und nach Kuba. In Köln hatte Henze von 1980 bis 1991 eine Professur an der Staatlichen Hochschule für Musik inne. Verpflichtungen als Composer in Residence führten ihn 1983 und 1988 bis 1996 ans Berkshire Music Center in Tanglewood/USA sowie 1991 zu den Berliner Philharmonikern. Bereits 1976 gründete Henze das Cantiere Internazionale d’Arte in Montepulciano. Im Jahr 1988 rief er die Münchener Biennale ins Leben, die er bis 1996 leitete.
Henzes Kompositionsschaffen ist sehr umfangreich. Mit seinen über vierzig Werken für Musiktheater wurde Henze zu einem der meist gespielten zeitgenössischen Komponisten unserer Tage. „Boulevard Solitude“ (1951), „Die Bassariden“ (1964/65, rev. 1992), „Pollicino“ (1979/80) sowie das in den Jahren 2003/2005 revidierte „Verratene Meer“ („Gogo no Eiko“, Urfassung 1986/89) gehören zu seinem vielfältigen Opernrepertoire. Ebenfalls bekannt sind die auf das Libretto von Ingeborg Bachmann geschaffene komische Oper „Der junge Lord“, das Oratorium „Das Floß der Medusa“ sowie die Filmmusik zu „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“.
Im Zentrum von Henzes Kompositionen für Orchester stehen die zehn Sinfonien. Von ihnen sei die Sinfonia N. 9 für gemischten Chor und Orchester (1995-97) mit Versen von Hans-Ulrich Treichel nach dem Roman „Das siebte Kreuz“ von Anna Seghers besonders erwähnt – ein eindringliches Beispiel für Henzes Auseinandersetzung mit der nationalsozialistischen Vergangenheit Deutschlands.
Henze erhielt zahlreiche Preise, u.a.: 1990 den Ernst von Siemens-Musikpreis, 1997 die Hans von Bülow-Medaille der Berliner Philharmoniker, 2000 den Praemium Imperiale in Tokio, 2001 den Cannes Classical Award in der Kategorie „Best Living Composer“. 2003 folgte die Ernennung zum Chevalier der Légion d’honneur, Paris.
Bereits als Schüler begeisterte er sich für die Musik, Oper und Theater (in der Hamburgischen Staatsoper erhielt er privaten Kontrabass-Unterricht und spielte in zahlreichen Orchestern als Kontrabassist mit). Nach dem Abitur studierte er in Lübeck Komposition (bei Friedhelm Döhl) und Dirigieren. Mit 22 Jahren nahm ihn Hans Werner Henze in seine Kölner Kompositionsklasse auf („Er hat einen Humor wie Verdi im Falstaff!“), beauftragte ihn u.a. mit Stücken für das Cantiere di Montepulciano, das Musikfest Aachen sowie die Münchner Biennale für neues Musiktheater und empfahl ihn Leonard Bernstein für dessen Tanglewood Music Center bei Boston. Dort wurde Jan Müller-Wieland („The guy from Brahmstown“ – Zitat Bernstein) Composer-Fellow der Leonard Bernstein-Foundation. Es folgten Stipendien in Paris und für die Villa Massimo in Rom. Von 1993 bis 2007 lebte er freischaffend in Berlin. Dort komponierte er u.a. für die London Sinfonietta, die Hamburgische Staatsoper („Poem des Morgens“ für großes Orchester mit 15 Schlagzeugen und „Kain“ nach dem alten Testament), für die Berliner Staatsoper („Komödie ohne Titel“ nach Lorca), für das Staatstheater Darmstadt („Die Versicherung“ nach Peter Weiss), für die Wiener Kammeroper („Das Märchen der 672. Nacht“ nach Birgit Müller-Wieland), für das Berliner Konzerthaus das Violinkonzert „Ballad of Ariel“ (Daniel Hope gewidmet), für die Kölner Oper („Der Held der westlichen Welt“), für die Bonner Oper in Kooperation mit Werner Schroeter („Die Irre oder nächtlicher Fischfang“ nach Micaela von Marcard) und „Nathans Tod“ nach George Tabori; sowie zahlreiche weitere Orchester- und Kammermusikwerke.
2006 folgte er einem Ruf als Professor für Komposition an die Hochschule für Musik und Theater München. 2008 wurden dort seine Faustszenen „Aventure Faust“ erstmals gespielt. 2009 wurde die Alice-Tully-Hall in New York mit seiner Groteske „Beethovens Egmont-Overture“ eröffnet. Mit Roger Willemsen tourte er 2010 mit einem tragikomischen, melodramatischen Abend über Bewusstseinsstörungen („Der Knacks“). Es folgten weitere abendfüllende Melodramen/Oratorien mit Klaus Maria Brandauer, Peter Simonischek, Johanna Wokalek und dem Dirigenten Thomas Hengelbrock („König der Nacht“ nach dem Buch Hiob, „Egmonts Freiheit oder Böhmen liegt am Meer“, „Maria – eine Vertreibung“).
Im November 2025 wurde „Der Reisende“, Melodram für Sprecher, Sprecherin, Tenor, Bariton, Chor, Zuspielungen und großes Orchester nach dem gleichnamigen Roman von Ulrich Alexander Boschwitz, durch die Dresdner Philharmonie im Kulturpalast Dresden im Rahmen des Gedenkjahres „80 Jahre Ende Zweiter Weltkrieg“ uraufgeführt.