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Wider den alltäglichen Antisemitismus in unserem Land

Wider den alltäglichen Antisemitismus in unserem Land

Ein Aufruf der Freien Akademie der Künste Hamburg
verfasst von Wolfgang Hegewald


Am 7. Oktober 2023 drangen Terroristen und Mörder der Hamas in Israel ein und massakrierten, folterten, schändeten und vergewaltigten Menschen, in ihren Häusern, beim Frühstück, auf einem Festival beim Feiern und Tanzen.

Israel, der Zufluchtsort für Jüdinnen und Juden seit der Shoah, hatte gar keine andere Wahl, als sich, seine Existenz und sein Existenzrecht zu verteidigen. Dass in ein Dilemma führt, was für Israel unbedingt notwendig ist, sehen und beklagen wir.

Die Hamas hält die Zivilbevölkerung im Gazastreifen als Geisel. Die Hamas wirft Homosexuelle von Hochhausdächern. Die Hamas lässt Lehrer, die in der Schule vom Holocaust sprechen wollen, sofort verhaften und deportieren. Am 7. Oktober zeigte die Hamas der Welt, dass sie sich am IS ein Vorbild nimmt. Wer die Hamas eine Befreiungsbewegung nennt, macht sich zum Komplizen.

Aus der hebräischen Bibel kennen wir Hiob, eine der wirkmächtigsten Figuren der Weltliteratur. Hiob hat alles verloren, was er besaß und was ihm etwas bedeutete, nur sein Leben nicht. Am Scheitelpunkt seines Leides und seiner Not besuchen ihn seine Freunde. Sie leisten ihm Gesellschaft, sieben Tage lang, und schweigen. Sie sind da. Ein unüberbietbares Bild für Beileid und Beistand unter Menschen, wenn alle Worte zu Floskeln werden.

Der alltägliche Antisemitismus ist in unserem Land immer vorhanden gewesen, in unterschiedlichsten Formen und Ausprägungen. Es gibt ihn in den christlichen Kirchen und in islamischen Gruppierungen. Es gibt ihn am Stammtisch und im Podcast. Es gibt ihn unter Verschwörungstheoretikern und unter dem Deckmantel der Indifferenz. Es gibt ihn unter narzisstisch Identitären, unter Pseudo-Linken, deren kalte, ideologische Analysen vor Empathielosigkeit klirren. Unter Rechten sowieso. Es gibt ihn in Gestalt des Antiamerikanismus, und auch das ist nicht neu. Der Dichter Nikolaus Lenau schrieb nach seiner Amerikareise von 1832, dass sich in diesem Land der himmelanstinkenden Krämerseelen sogar die Nachtigall weigere zu schlagen.

Es gibt ihn unter uns.

An Gedenktagen ist uns das Nie wieder leicht über die Lippen gekommen. Im Alltag verstauten wir die schreckliche Anomalie, dass Synagogen, jüdische Schulen und Kultureinrichtungen permanent unter Polizeischutz gestellt werden müssen, in einer entlegenen Schublade unseres Gedankenhaushaltes und hatten sie bald wieder vergessen.

Der 7. Oktober und seine Folgen lassen unsere Illusion platzen, das Zusammenleben mit unseren jüdischen Mitbürgern sei doch ganz passabel eingespielt und geordnet. Der alltägliche Antisemitismus geht im Land der Shoah auf die Straße, lässt seine Masken fallen und macht aus seiner Gewaltbereitschaft gegenüber Jüdinnen, Juden und jüdischem Leben kein Hehl. Nun warnt schon der Präsident des Amtes für Verfassungsschutz vor einer Welle antisemitischer Ausschreitungen und Übergriffe.

Was können wir tun? Der Schritt von der Indifferenz zur Resignation ist klein. Wer sich jetzt hinter einem Ja, aber verschanzt, verharmlost und relativiert.

Wer sich, wie wir, nicht vorstellen mag, dass abermals Jüdinnen und Juden aus Sorge um ihr Leben unser Land verlassen, muss dies jetzt laut bekennen, mit allen Mitteln, über die er verfügt – mit Aufmerksamkeit und Zivilcourage, Takt und Empathie, öffentliche Rede und Begegnungen, um das Repertoire anzudeuten.

„Nur wer für die Juden schreit, darf auch gregorianisch singen“, das Diktum von Dietrich Bonhoeffer klingt bestürzend aktuell. Jetzt ist nicht die Zeit für künstlerische Selbstgenügsamkeit.


Hamburg, am 28. Oktober 2023

© Abb.: FAdK