Ulrich Greiner
Gedenkrede Manfred Sack.
22. Oktober 2014


Liebe Carola Sack, lieber Ulrich Sack,
liebe, sehr verehrte Geschwister, Kinder, Enkel und Urenkel,
liebe Freunde und Kollegen,
sehr geehrte Damen und Herren,

wir sind heute zusammengekommen, um uns von Manfred Sack zu verabschieden, uns an ihn zu erinnern und seiner zu gedenken. Für jeden von uns hatte er eine andere Bedeutung. Er war Ehemann und Vater, Großvater und Urgroßvater, er war Freund und Kollege, er war Journalist und Mitglied der Freien Akademie der Künste, er war Musikkritiker und Vortragsredner, er war Architekturkritiker und Autor zahlreicher Bücher. Und alle kennen wir ihn als einen überaus freundlichen und intelligenten, als einen liebenswerten und wissbegierigen Mann, dem selten etwas gleichgültig war.
Dass er nun gestorben ist, ist ein schwerer Verlust für uns alle, und für jeden von uns ist es ein anderer Verlust. Wenn ich nun versuche, ein Bild von Manfred Sack zu zeichnen, so ist dieses Bild entstanden aus langer Zusammenarbeit und Verbundenheit. Es ist also mein eigenes Bild, und doch hoffe ich, dass Sie, die Angehörigen, die Freunde, in diesem Bild jeweils ihren eigenen Manfred wiedererkennen. Ich sage Manfred, denn in der ZEIT war es üblich, einander mit Sie anzureden, aber mit dem Vornamen zu benennen.
Als ich 1980 zur ZEIT kam, war Manfred schon 21 Jahre da. Er war damals beileibe nicht alt, sondern erst 52, ich hingegen im zarten Alter von 34, und folglich war Manfred für mich eine Respektsperson. Ich merkte aber bald, dass ihm dieser Respekt nicht so sehr auf Grund seiner Anciennität zukam, sondern infolge seiner fachlichen Kompetenz, seines unermüdlichen Fleißes und seiner stetigen Freundlichkeit.

Manfred Sack war, neben allem anderen, was er außerdem noch war, ein hervorragender Journalist, der rasch eine Glosse schreiben oder die plötzliche Lücke mit einer Schallplattenkritik füllen konnte. Er war ein guter Blattmacher und Überschriftenmacher. Und er war einer der besten Gegenleser. Höflich und freundlich korrigierte er die Schwächen meiner Manuskripte, immer bedacht auf die korrekte Grammatik, auf den angemessenen, auf den eleganten Ausdruck. Ich muss zugeben: Es bedarf einer gewissen Überwindung – vor allem, wenn man noch jung ist –, das eigene kostbare und gewissermaßen noch feuchte Elaborat in die Hände eines kritischen, womöglich kalten und herzlosen Gegenlesers zu geben.

 

Da nun hatte ich Glück mit Manfred. Kritisch war er durchaus, kalt aber nie, sondern herzlich der Sache zugewandt. Vor allem war er konstruktiv. Er wollte etwas lernen, und wenn er den Text oder einen Satz davon nicht verstand, so war das in der Regel ein Problem des Textes. Ich habe viel von Manfred gelernt. Und da er sich selbst nicht für unfehlbar hielt, trachtete er danach, dass seine Manuskripte von einem Gegenleser geprüft würden, und es erfüllte mich mit einem gewissen Stolz, dass er nach einer Weile auch zu mir kam, damit ich seine Texte läse und kritisierte.

Nun war ich allerdings für Manfred keineswegs der wichtigste Gegenleser, und das war auch kein anderer Kollege. Der wichtigste Gegenleser, das erzählt mir Ulrich Sack, war seine Frau Carola. Sie hat nahezu jeden Text, den Manfred schrieb – für die Zeitung, für den Rundfunk, für ein Buch – gegengelesen. Darauf hat er größten Wert gelegt, er hat Carola als seine treueste und engste Mitarbeiterin verstanden. Ulrich Sack hat mir geschrieben: „Meine Eltern waren nicht nur lange 63 Jahre miteinander verheiratet, sondern sie haben alles, was zwei Menschen miteinander teilen können, auch miteinander geteilt.“ 63 Jahre! Als ich das las, überkam mich etwas wie – nein, es war nicht Neid, es war abermals großer Respekt.

Ich habe eben von Manuskripten gesprochen, doch das Wort ist nicht ganz richtig. Es waren Typoskripte, und an seine Typoskripte kann ich mich gut erinnern. Manfred Sack tippte sie auf einer betagten Maschine, deren Anschlag körperliche Kraft erforderte und deren Typen zuweilen aus der Reihe hüpften. Der Redaktionsflur vibrierte, wenn er schrieb, und mir kam es vor, als stamme Manfred aus der guten alten Zeit der Manufaktur.
In der Tat war alles, was mit Werkstoffen und mit Handwerk zu tun hatte, für Manfred von höchstem Interesse. Vielleicht ist er deshalb ein so bedeutender Architekturkritiker geworden, weil er die Idee nie ohne das Material denken konnte und das Material niemals ohne die Idee. Er hatte einen untrüglichen Blick für den falschen Glanz, für die handwerklich-ästhetische Mogelei. Er durchschaute das Talmi sofort. Das Wort Talmi stammt übrigens aus dem Französischen und ist ein Kürzel von „Tallois-demi-or“, also Halbgold à la Tallois. Tallois war ein französischer Fabrikant, der eine Kupfer-Zink-Legierung erfand und mit Blattgold überzog, um den Anschein zu erwecken, es handele sich um massives Gold. Dieser Mann wäre bei Manfred an die falsche Adresse geraten.

In Coswig an der Elbe geboren, in Sichtweite des wundersamen Wörlitzer Gartenreichs, hat Manfred Sack nach dem Notabitur sein richtiges Abitur in den Räumen des Bauhauses in Dessau gemacht, und man ahnt, dass seine Vorliebe für klare Proportionen und durchschaubare Formen aus dieser frühen Schulung stammt. Manfred war dann einer der ersten Studenten der Freien Universität Berlin, er studierte Musik und er promovierte über den Barockkomponisten Heinrich Pfendner. So hat er dann, als er 1959 zur ZEIT kam, zunächst vor allem über Musik geschrieben, und zwar nicht allein über Beethoven, Mahler oder Schönberg, sondern auch und vor allem über das, was mit dem hässlichen Wort U-Musik bezeichnet wird und was damals im seriösen ZEIT-Feuilleton einen schweren Stand hatte: über Jazz also – aber auch über Udo Jürgens oder Harry Belafonte, über Caterina Valente oder Peter Alexander. Über einen Auftritt des heute ziemlich vergessenen Sängers Salvatore Adamo hat Manfred 1969 geschrieben:
„Da steht er nun, – ein bisschen krumm, Kopf aufrecht, lächelt, ein netter Junge, ein artiger Junge, ein stiller, bescheidener, ehrlicher, hübscher, intelligenter, ein sympathischer Junge von 24 Jahren. Manchmal schwimmt er im Schmalz, mit beängstigend ruhigen Zügen, und will und will das Ufer nicht erreichen.“
Hat Salvatore Adamo überhaupt eine Stimme?, fragt Manfred später, und er antwortet: „Er hat gar keine Stimme, fast keine Stimme. Viele haben versucht, diese Stimme zu beschreiben, nannten sie rauh, brüchig, sandpapieren. Man kann sie auch erkältet nennen.“

Caterina Valente hingegen hat es ihm angetan. Im selben Jahr schreibt er: „Sie haucht die Worte, flüstert, schnarrt, schnalzt, Jazz kommt auf, die Stimme strahlt, wird laut und schneidend und ist dabei völlig beherrscht, sie stammelt Vokale und Konsonanten, schluchzt, aber ohne jeder Spur von Sentimentalität – fantastisch!“

Man sieht an diesen Beispielen, welches reiches Vokabular Manfred zur Verfügung stand, welch genaues Gehör, welche Beobachtungsgabe und Beobachtungslust er hatte. Manfred war zwar ein überaus netter Mensch, aber nett waren seine Kritiken keineswegs. 1971 schreibt er über Peter Alexander, und pointiert arbeitet er einen Gegensatz heraus, den Gegensatz, ich zitiere ihn, „zwischen dem Raffinement einer scheinbar beiläufigen Publikumsbeherrschung und der Einfalt des beherrschten Publikums.“

Manfred schildert mit einer Mischung aus Sympathie und Bedauern die einfachen Leute, die sich blind begeistern lassen und begeistern lassen wollen. Er spricht von einem „pubertären Publikum von lauter Vierzehnjährigen zwischen Fünf und Fünfundsiebzig“, und er schreibt: „Dass beide Parteien, der Sänger auf der Bühne und die Gemeinde zu seinen Füßen, die Naivität mit Löffeln gefressen zu haben scheinen, ist kein Paradoxon, sondern eine Voraussetzung für die Machtfülle, die dieser Vortragskünstler hat. Qualität, so scheint es, ist nicht gefordert, Qualität wird nicht gegeben. Peter Alexander singt viele, viel zu viele alte Wiener Schmonzetten, singt viel im Walzertakt, inzwischen alles ältliche Klamotten. Manchmal merkt man, dass er das weiß, wenn er sich darüber lustig macht und über seine Lache aus Schmalz und Tränen eine Zitrone ausdrückt.“

Solche Kritiken hat Manfred Sack im Lauf der Jahre immer seltener geschrieben, und ich vermute mal, weil das Sujet auf lange Sicht unergiebig ist. Die Muster sind ja immer ähnlich, und niemand hat sie so genau beschrieben wie Manfred. Er hat sich dann immer mehr einem größeren Thema zugewendet, der Architektur und dem Städtebau, und er ist einer der bedeutendsten Architekturkritiker dieses Landes geworden. Er hat die Architekturkritik für das Feuilleton miterfunden, er hat sie lesbar und nachvollziehbar gemacht. Immer wieder hat er bedauert, dass diese Gattung oftmals als nebenrangig betrachtet wurde und betrachtet wird. Sein Credo lautete sinngemäß: Unter einem schlechten Roman leidet nur der Leser, und er kann, wenn es ihm zuviel wird, das Buch zuklappen. Unter einer schlechten Architektur jedoch leiden alle, die sie täglich erblicken oder gar darin wohnen müssen.

Ich halte es für eine glückliche Wahl, dass wir uns hier in dieser grandiosen, erst kürzlich restaurierten Fritz-Schumacher-Halle versammelt haben. Das hätte Manfreds Beifall gefunden. Noch 2009, zum 100. Jahrestag der Berufung Schumachers zum Baudirektor Hamburgs, hat Manfred an ihn erinnert, und er fand es, so schrieb er, „merkwürdig, dass dem Architekten Fritz Schumacher der Ruhm Karl Friedrich Schinkels bis heute verweigert wird – obwohl der Hamburger Baumeister ein einzigartiges komplexes Werk von ähnlicher Qualität zustande gebracht hat wie der Berliner.“

Ich zitiere aus seinem Text: „Schumachers Leben und Werk erinnern daran, dass Investoren zwar Häuser bauen können, aber keine Städte. Dazu braucht es Menschen, dazu braucht es Künstler wie ihn. Soziales und Ästhetisches, so schreibt Schumacher 1920, müssen ineinander greifen, und diese Vereinigung ist ja das, was wir Kultur nennen.“

Hier haben wir den Kern von Manfreds architekturkritischer Überzeugung: Das Soziale und das Ästhetische bedingen einander. Ein architektonisches Kunstwerk, das sich selig selbst genügt, das sich gleichgültig zeigt gegen seine Umgebung, uninteressiert an Fragen der Brauchbarkeit – eine solche Architektur erregte sein Missfallen und nicht selten seinen Zorn. Urbanistische Theorien, soziologische Überfliegereien beschäftigten ihn nur mäßig, die Lebenswirklichkeit der Stadtbewohner hingegen viel mehr. Auf das Praktische, auf das Freundliche, auf das Schöne kam es ihm an. Und er hatte keine Scheu, sich schreibend und handelnd einzumischen, wenn er sich für eine Sache entzündet hatte.

Zu seinen größten Projekten zählte der Kampf um die Mottenburg, wie das seinerzeit heruntergekommene Hamburger Stadtviertel Ottensen verächtlich genannt wurde. Manfred schaffte es mit Hilfe der ZEIT, die Bewohner und die Eigentümer, die Behörden und die Stadtplaner an einen Tisch zu bringen. Das war Mitte der siebziger Jahre, und in den sich aneinander drängenden Bauten der Gründerzeit entstand neues Leben.
Manfred Sack war nach zehn Jahren, am Ende der Diskussionen, der Umbauten und Renovierungen, mit dem Ergebnis nicht recht zufrieden. Es hatte, so schrieb er in seinem Resümee, zu viele faule Kompromisse gegeben. Wer jedoch heute durch Ottensen wandert und sich daran erinnert, dass das Viertel einst abgerissen werden sollte, der freut sich über die bunte, lebendige Szenerie. Sie ist, trotz mancher Mängel, wahrhaft urban, und sie verdankt sich auch dem Engagement von Manfred Sack.

Sein Fleiß war imponierend, sein Elan unüberwindlich, und wenn man die gewaltige Liste seiner Bücher betrachtet, erkennt man die Breite seiner Interessen. Er schrieb über Bornholm und über Bäume, über Holzhäuser und deutsche Wohnzimmer, über den Lebensraum Straße sowie über den Konflikt zwischen Bauherr und Architekt. In der architekturkritischen Debatte wurde seine Stimme unüberhörbar und maßgeblich. Infolgedessen erhielt er namhafte Auszeichnungen, darunter den Theodor-Wolff-Preis, den Preis für Architekturkritik des Bundes Deutscher Architekten sowie den Deutschen Preis für Denkmalschutz. 1998 erhielt er den Ehrendoktor der Technischen Universität Darmstadt.
Unter den namhaften Architekten zählten Richard Neutra und Gustav Peichl, Hans Scharoun und Karljosef Schattner, Peter Zumthor und Frei Otto zu seinen Favoriten. Wichtig war ihm eine schöne und zugleich brauchbare Architektur. Alles Protzige, Selbstgefällige widerstrebte ihm. Als die Pläne für den Potsdamer Platz auf dem Tisch lagen, schrieb er 1990 in der ZEIT einen flammenden Protest und setzte darüber: „Der Jahrhundertfehler“. Damit widersprach er dem damaligen Berliner Bürgermeister Walter Momper, der den Beschluss zugunsten des Daimler-Benz-Konzerns eine „Jahrhundertentscheidung“ genannt hatte.

Manfred Sack konnte sehr gut zwischen Spaß und Ernst unterscheiden. Ironie als Habitus war ihm fremd, Sarkasmus erst recht. Er konnte sehr witzig sein, er lachte gern und oft, aber wenn es ihm ernst war, dann war es ihm ernst. Ich erinnere mich daran, dass Manfred einmal einen längeren Aufsatz über die für den Norden prägenden Backstein- oder Klinkerbauten geschrieben hat. Der Artikel trug die Überschrift: „Der Backstein ­– kommt er wieder?“ Sie erregte den Spott der allzeit spottlustigen Kollegen, und eine Weile lang wurde er, wenn er in die Redaktion kam, mit der Frage begrüßt: „Manfred, kommt der Backstein wieder?“ Manfred hat mitgelacht, doch im Grunde seines Herzens, so glaube ich, wird er gedacht haben, dass wir anderen eigentlich keine Ahnung von der Bedeutung architektonischer Werkstoffe hatten.
Und damit hatte er recht.

Dieses Ernst-nehmen-Können, was ja heutzutage eine altmodische Tugend ist, zeigte sich auch darin, dass Manfred stolz darauf war, 1976 zum Mitglied der Freien Akademie der Künste gewählt worden zu sein. Er hielt den Gedanken der Akademie für wichtig, und er war eines ihrer aktivsten Mitglieder. Deshalb wurde er zum Ehrenmitglied ernannt. Auch für die Akademie ist der Verlust Manfred Sacks ein herber Verlust. In dieser Akademie übrigens gab es 2006 eine Ausstellung mit Bildern von ihm. Sie hieß „Personen und Possen“, und man sah einen ganz anderen Manfred, einen, der bezaubernde, fantastische Collagen zeigte, in deren Anblick man sich lange verlieren konnte.

Manfred Sack, obwohl in seinem Metier berühmt, war ein wenig eitler und ein sehr bescheidener Mann. Er war diskret, er war feinfühlig. Wenn man ihn allzu sehr lobte, neigte er dazu, zu erröten. Er war einer der liebenswürdigsten und beliebtesten Kollegen – sowohl in der ZEIT als auch in der Akademie. Jeder, der ihn kannte, wird das bestätigen. Wer ihn jedoch nicht näher kannte, der kannte ihn als den Herrn mit der Fliege. Das war das Äußerste an modischer Extravaganz, was er sich leistete. Die Fliege war sein Markenzeichen. Ich weiß gar nicht, ob er Krawatten überhaupt besaß.

Zuweilen haben wir uns gestritten. Im Gegensatz zu mir fand er die Rekonstruktion des Frankfurter Römerbergs ebenso falsch wie den Wiederaufbau des Berliner Schlosses. Er war der Verteidiger einer in die Zukunft weisenden Moderne, und vermutlich hätte er Rimbauds berühmtes Postulat akzeptiert: „Il faut être absolument moderne.“ Sicherlich aber hätte er das Wort „absolument“ nicht gemocht. Das Absolute war diesem Mann, der dem deutschen Größenwahn entkommen war, zutiefst verdächtig. Er wollte nicht das Absolute, sondern das den Menschen Zuträgliche.

Mit Manfred zu diskutieren worüber auch immer, über die Architektur, über Fragen der Redaktion oder der Akademie, mit ihm zu reden war mir stets ein Vergnügen. Ich vermisse ihn. Alle, die mit ihm vertraut waren, werden ihn ebenfalls vermissen. Und für die Angehörigen bedeutet dieser Tod einen schmerzlichen Verlust. Ich möchte ihnen mein herzliches Beileid aussprechen, sicherlich auch im Namen aller Trauergäste. Damit meine ich mehr als die übliche Formel, und deshalb bitte ich Sie, mir ein persönliches Nachwort zu erlauben: Ich vermute, dass Manfred Sack und die Seinen mit der christlichen Botschaft nicht sehr viel verbinden. Ich glaube jedoch: Jedem von uns bleibt es unbenommen, Manfred in sein Gebet einzuschließen. Ich jedenfalls werde es tun.